Alles hat seine Zeit, und jedes Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.
Prediger 3,1
Die Frage nach der Zeit wurde vor allem von Philosophen immer wieder gestellt. Was ist Zeit und wie gehen wir mit ihr um? Augustinus sagte dazu: „Wenn mich niemand fragt, weiß ich, was Zeit ist; will ich es erklären, weiß ich es nicht.“ Es gab auch Denker, die das Nachdenken über die Zeit als Zeitverschwendung, Leerlauf oder gar als philosophische Sackgasse bezeichneten. Ludwig Wittgenstein sah viele klassische Zeitfragen als Scheinprobleme („Das Problem löst sich, wenn man nicht darüber nachdenkt.“), die nur entstehen, weil Sprache uns verwirrt.
Nach der Bibel ist Zeit etwas Geschaffenes. Sie beginnt nicht bei uns, sondern bei Gott. Darum ist sie mehr als ein neutraler Ablauf von Stunden und Tagen. Zeit hat eine innere Struktur und einen Sinn, der nicht aus uns selbst kommt. In dieser geschaffenen Zeit gibt es für alles den rechten Moment. Die Bibel spricht vom Kairos, der „entscheidenden Stunde“. Zeit ist nicht nur Chronologie, sondern Gelegenheit: In ihr öffnen sich Möglichkeiten, die vorher nicht da waren. Gott schafft Momente, in denen etwas möglich wird, was zuvor unmöglich erschien.
Gottes Ewigkeit relativiert zugleich unsere Zeit. Vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag – und doch ist jeder unserer Tage kostbar. Der Mensch lebt deshalb in einer Spannung: zwischen seiner Endlichkeit und der Suche nach Sinn, zwischen begrenzter Lebenszeit und der Sehnsucht nach Erfüllung. Zugleich hat Zeit in der Bibel Richtung und Ziel. Sie läuft nicht im Kreis, sondern bewegt sich auf Gottes neue Welt zu. Darum ist Zeit nicht nur Geschenk, sondern auch Aufgabe. Sie verpflichtet uns zu kluger Lebensführung – dazu, die Gelegenheiten zu erkennen, die Gott schenkt, und sie verantwortlich zu nutzen.