Andacht Heute

Ohne Anspruch auf Dankbarkeit

„Doch liebt eure Feinde, und tut Gutes, und leiht, ohne etwas wieder zu erhoffen! Und euer Lohn wird groß sein, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.“
Lukas 6,35

Wir alle kennen das: Wir tun jemandem freiwillig und aus Freundlichkeit einen Gefallen – und der andere bedankt sich nicht. Wenn sich jemand nicht für eine Gefälligkeit bedankt, kann dies das Verhältnis zu diesem Menschen empfindlich stören. Wir fühlen uns gekränkt. Es widerspricht unserem Gerechtigkeitsempfinden. Wir glauben, ein Recht auf Dankbarkeit zu haben.

Der Satz aus dem Lukasevangelium drückt aus, was Gott von uns erwartet. Wir sollten Gutes tun, ohne etwas dafür zu verlangen, denn nur so können wir uns die Freude daran erhalten. Ein Vers aus Sprüche 3,27 ergänzt dies: „Versage keinem das Gute, wenn es in deiner Macht steht, es zu tun.“ Hier wird das Tun betont, nicht die Reaktion des anderen. Dankbarkeit ist schön, aber sie darf nicht zur Bedingung werden. Wer Gutes tut, um gesehen zu werden, läuft Gefahr, verletzt zu werden. Es besteht hingegen eine große Freiheit darin, das zu tun, was man für richtig hält, ohne sich dafür etwas zu erhoffen.

Gebet
HERR, bewahre uns davor, aus Gefälligkeiten Forderungen zu machen. Hilf uns dabei, freudig und frei für andere Gutes zu tun. Amen.

Endlich frei werden

Nachdem ihr nun aber Gott kennt und liebt – genauer gesagt, nachdem Gott euch kennt und liebt –, wie ist es da möglich, dass ihr euch diesen armseligen und kümmerlichen Zwängen wieder beugt und unterwerft?
Galater 4,9

Paulus meint mit diesen Zwängen eine Reihe von Gesetzlichkeiten, von denen er annahm, dass sie die Galater überwunden hätten. Das kann auch uns betreffen, wenn man von uns die Beachtung von Regeln und Vorschriften verlangt, um religiöse Leistungen zu vollbringen. Es können auch Selbstrettungssysteme sein, die wir uns zurechtgelegt haben wie die Kontrolle des persönlichen Heils durch eigene Leistungen. All dies ist nach Paulus „armselig und kümmerlich“. Es hat keine Kraft, weil es uns in alten, menschlichen Abhängigkeiten festhält. Man kann damit allenfalls Pfarrer und Gemeindeleiter beeindrucken, vor Gott gilt das alles nichts. Wir sollten doch endlich erkannt haben, dass es im Evangelium um Gnade statt um Leistung geht. Die Grundsätze der Welt knechten uns. Die Gnade macht uns frei.

Gebet
HERR Jesus Christus, bewahre uns davor, in alte Muster zurückzufallen. Befreie uns von religiöser Angst, von Selbstrechtfertigung, von dem Druck, uns beweisen zu müssen. Lass uns leben als Kinder: frei, geliebt und getragen. Amen.

An Israels Seite – nicht an seiner Stelle

Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat.
Römer 11,2

Am vergangenen Sonntag wurde in den evangelischen Kirchen der Israelsonntag begangen. Er ist heute zum Tag der Besinnung auf die jüdischen Wurzeln des Christentums geworden.

Paulus sagt im Römerbrief etwas Befreiendes und Korrigierendes: Gott hat sein Volk nicht verstoßen. Nicht damals, nicht heute, nicht irgendwann. Die Verstockung, von der Paulus spricht (Röm 11,25), ist kein Urteil über Israels Glauben, sondern ein geschichtlicher Zustand, durch den Gottes Weg mit den Völkern geöffnet wurde. Und wenn Paulus sagt: „Ganz Israel wird gerettet werden“ (Röm 11,26), dann meint er nicht eine spätere Massenbekehrung, sondern Gottes Treue, die nicht endet. Es ist nichts anderes als christliche Arroganz, wenn man annimmt, dass die Kirche Israel ersetzt hätte. Israel muss nicht bekehrt werden. Das Judentum ist keine „Vorstufe“ des Christentums. Wir Christen stehen nicht an Israels Stelle, sondern an Israels Seite – gerufen, Christus zu bezeugen, aber nicht, Israel zu ersetzen oder zu korrigieren.

Gebet
Gott Israels, du bleibst deinem Volk treu und öffnest deinen Bund für alle Menschen. Bewahre uns vor Hochmut und schenke uns ein Herz, das deine Wege achtet. Lass uns mit Israel gemeinsam vor dir stehen – in Demut, Dankbarkeit und Liebe. Amen.