Die Frage der Erwählung
„Wie groß ist doch Gott! Wie unendlich sein Reichtum, seine Weisheit, wie tief seine Gedanken! Wie unbegreiflich für uns seine Entscheidungen und wie undurchdringlich seine Pläne!“
Römer 11,33
Nachdem wir gestern auf die Bedeutung gemeinsamer Erkenntnis geschaut haben, wenden wir uns heute einer Frage zu, an der Christen seit Jahrhunderten ringen: der Erwählung. Vielleicht führt uns gerade dieses Thema vor Augen, dass Gottes Weisheit größer ist als unsere menschlichen Erklärungen.
Da habe ich von der Aussage eines messianischen Juden gehört, dass unter Erwählung in der Bibel eine Beauftragung zum Dienst, nicht eine zum Heil oder zur Seligkeit zu verstehen sei. Abraham wurde berufen, Israel wurde berufen, Propheten wurden berufen. Erwählung bedeute demnach nicht automatisch Heil, sondern zunächst Verantwortung.
Dieser Gedanke hat viel für sich. Tatsächlich begegnen uns in der Bibel viele Menschen, die von Gott zu einer Aufgabe berufen werden. Doch je länger man über das Thema nachdenkt, desto deutlicher wird: Gottes Erwählung lässt sich nicht vollständig in menschliche Begriffe fassen. Die einen betonen Gottes freies Handeln. So sprechen die Calvinisten von der „bedingungslosen Erwählung“. Andere heben die freie Willensentscheidung des Menschen und damit seine Verantwortlichkeit hervor. Die Schrift enthält beides. Sie lädt uns ein, darüber nachzudenken, aber sie gibt uns keine Formel an die Hand, mit der wir Gottes Wege bis ins Letzte erklären könnten.
Vielleicht liegt gerade darin eine wichtige geistliche Lektion. Wir müssen nicht jede Frage endgültig lösen. Manches dürfen wir stehen lassen. Paulus selbst endet seine Überlegungen über Gottes Handeln nicht mit einer fertigen Theorie, sondern mit Anbetung: „Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!“ Wo Gottes Weisheit größer ist als unsere Erkenntnis, dürfen wir lernen zu vertrauen. Nicht alles verstehen zu müssen, ist keine Schwäche des Glaubens. Es ist oft ein Ausdruck seiner Reife.
Gebet
HERR, wir danken dir für dein Wort und für alles, was du uns darin erkennen lässt. Bewahre uns vor dem Stolz zu meinen, wir könnten deine Gedanken vollständig erfassen. Lass uns nicht auf unsere eigene Weisheit bauen, sondern auf deine Güte, deine Gnade und deine Führung. Amen.