Andacht Heute

Aus dem Glauben heraus gestalten

Der HERR sagte zu Mose: „Ich habe Bezalel, den Sohn Uris und Enkel Hurs aus dem Stamm Juda, auserwählt, um die Arbeiten am Heiligtum zu leiten. Ich habe ihn mit meinem Geist erfüllt und ihm Weisheit, Verstand, handwerkliche Kenntnisse und künstlerisches Geschick gegeben.“
2. Mose 31,1-3

Dies ist eine der wenigen Stellen in der Bibel, in der es um künstlerische Betätigung geht. Gott beruft Bezalel und im weiteren Verlauf Oholiab, sich als Kunsthandwerker in den Bau der Stiftshütte, dem transportablen Heiligtum in der Wüste, einzubringen. Wir sehen, dass er die Künstler beim Namen nennt, sie mit seinem Geist begabt und sie beauftragt, Schönheit zu schaffen. Es ist offensichtlich, dass Kunst in früherer Zeit überwiegend funktional war: Man benötigte Kunsthandwerk zur Ausschmückung von Tempeln und später von Kirchen. Musik diente bei Festen und Gottesdiensten. Literatur wurde zur Erbauung und zum Festhalten von Weisheiten benötigt.

Die Vorstellung von einer „freien, autonomen Kunst und Kultur” entwickelte sich erst in der Neuzeit. Heute ist es längst legitim, diese Tätigkeiten ohne offiziellen Auftrag, nur für sich, auszuüben. So sagte jemand: „Ich male und zeichne für meinen Seelenfrieden und um meine geistige Gesundheit zu bewahren.“ Kunst, Musik und Literatur sind somit Ausdrucksmöglichkeiten, die heute jedem von uns offenstehen. Eigenes Schreiben, Malen und Musizieren sind Weisen, das Leben zu ordnen und zu gestalten. Der Mensch braucht den künstlerischen Ausdruck – nicht nur funktional und nützlich, sondern frei. Freie Kunst ist die persönliche Auseinandersetzung mit dem Leben. Ein Raum, in dem ich Worte, Farben, Linien und Klänge finde, ohne dass mir jemand etwas vorschreibt. So können wir die Bibel nicht nur lesen, sondern auch ausformen. Ein Psalm kann zu einem eigenen Gedicht werden. Aus einem Vers kann eine Skizze oder ein Bild entstehen, das durch den Tag trägt. Ein Gedanke zu einem Bibelvers kann sich in ein Gebet verwandeln.

Ein Gedicht über Tränen

Nahe ist der HERR denen, die zerbrochenen Herzens sind, und die zerschlagenen Geistes sind, rettet er.
Psalm 34,19

Das Gedicht „Tränen in schwerer Krankheit” von Andreas Gryphius beginnt mit den Zeilen: „Mir ist, ich weiß nicht wie, ich seufze für und für.” In diesem Sonett zeigt sich die barocke Vorstellung von Schwermut als körperliche Schwäche und als körperlich-seelisch-geistliche Krise gedeutet wurde. Die damalige Temperamenten- und Säftelehre erklärte psychische Zustände zugleich medizinisch und moralisch. Schwermut und Angst wurden als Zeichen mangelnden Gottvertrauens gedeutet. Somit war es möglich, psychisches Leiden als geistliche Prüfung oder gar als Versagen zu erklären. Krankheit und Melancholie galten dann als Abweichungen vom rechten Glauben. Wenn dies im Interesse der herrschenden Ordnung war, konnte es zur Diffamierung genutzt werden. Der von Depressionen gezeichnete Mensch wurde als schwerer Sünder dargestellt und gesellschaftlich geächtet, weil er sich angeblich von Gott entfernt habe.

Wir können heute über diese vorsintflutlichen Vorstellungen den Kopf schütteln, denn wir wissen heute mehr über psychische Belastungen und Depressionen. Wenn wir allerdings die Arroganz der Spätgeborenheit abstreifen, können wir das vorliegende Gedicht mit anderen Augen lesen und durchaus etwas lernen. Es zeigt uns einen Weg zu mehr Ehrlichkeit, Demut und Gottvertrauen. Dann werden diese poetischen Tränen zu einem Gebet:

Tränen in schwerer Krankheit

Mir ist, ich weiß nicht wie, ich seufze für und für.
Ich weine Tag und Nacht, ich sitz in tausend Schmerzen;
Und tausend fürcht‘ ich noch; die Kraft in meinem Herzen
Verschwindt, der Geist verschmacht‘, die Hände sinken mir.

Die Wangen werden bleich, der muntern Augen Zier
Vergeht gleich als der Schein der schon verbrannten Kerzen.
Die Seele wird bestürmt, gleich wie die See im Märzen.
Was ist dies Leben doch, was sind wir, ich und ihr?

Was bilden wir uns ein, was wünschen wir zu haben?
Itzt sind wir hoch und groß, und morgen schon vergraben:
Itzt Blumen, morgen Kot. Wir sind ein Wind, ein Schaum,

Ein Nebel und ein Bach, ein Reif, ein Tau, ein Schatten;
Itzt was und morgen nichts. Und was sind unsre Taten
Als ein mit herber Angst durchmischter Traum.

Das leise Lob

Lobet den HERRN! Denn unseren Gott loben, das ist ein köstlich Ding.
Psalm 147,1

Es gibt Formen des Lobpreises, die sofort ins Ohr gehen: süße Lieder, die von vielen Wiederholungen getragen sind. Viele Menschen finden in dieser Weise einen Zugang, der stark von Gefühlen begleitet ist. Um nicht missverstanden zu werden: Ich möchte niemandem sein Lob nehmen. Mir selbst ist jedoch ein anderes Lob wertvoll geworden – ein Lob, das nicht auf Stimmung, sondern auf Gottes Wort setzt.

Die Bibel kennt dieses stille Lob. Habakuk sagt: „Ich will mich freuen des Herrn“, obwohl er keine Ernte sieht. Paulus und Silas sangen im Gefängnis. Die Psalmen loben mitten in der Klage. Dieses Lob ist kein Gefühlsschub, sondern Ausdruck des Vertrauens auf Gott. Es ist kein Entertainment, sondern Halt.

Ich entdecke dieses Lob besonders in den alten Liedern. Paul Gerhardt etwa führt mich nicht in Ergriffenheit, sondern in die Tiefe. Seine Worte tragen, weil sie aus der Schrift geboren sind und nicht aus dem Moment. Sie sind nicht laut, aber wahr. Nicht süß, aber nahrhaft. Vielleicht ist es Zeit, wieder öfter ein altes Lied aufzuschlagen. Vielleicht ist es Zeit, wieder zu entdecken, wie viel Trost in einer einzigen Strophe steckt.

Gebet:
Herr, lehre uns das Lob, das aus deinem Wort wächst. Mach unsere Herzen ruhig vor dir. Lass die alten Lieder neu in uns klingen und unser Vertrauen stärken. Amen.