Andacht Heute

Die zwei Gesichter der Unwissenheit

Was in dieser Welt unbedeutend und verachtet ist und was bei den Menschen nichts gilt, das hat Gott erwählt, damit ans Licht kommt, wie nichtig das ist, was bei ihnen etwas gilt.
1. Korinther 1,28

Die Unterscheidung kommt aus der mittelalterlichen Schuldlehre. Da wird die einfache (Ignorantia simplex) von der absichtlichen Unwissenheit (Ignorantia affectata) abgegrenzt. Im ersten Fall wird die Schuld als gemildert angesehen, da sie eher aus Nachlässigkeit oder mangelnder Einsicht resultiert. Im anderen Fall will man etwas nicht wissen, um sich nicht mit der Wahrheit auseinandersetzen zu müssen. Dies wurde in der kirchlichen Tradition als schuldhaft und moralisch verwerflich angesehen und oft mit Verstocktheit oder bewusster Verweigerung gleichgesetzt. Im Mittelalter war es eine zentrale Frage, wann ein Mensch für seine Unwissenheit verantwortlich ist und wann nicht.

Übertragen auf unseren heutigen Text übertragen könnte man sagen: Die frühen Christen waren oft Menschen mit wenig Bildung. Ihre Unwissenheit war nicht schuldhaft, Gott hat sie trotzdem (oder gerade deshalb) erwählt. Daneben gab es jene, die stolz waren auf ihre Kenntnisse, sich dem göttlichen Wissen aber bewusst verweigerten.

Wenn wir in Glaubensgesprächen auf Ablehnung stoßen, könnte uns die Unterscheidung zwischen der einfachen Unwissenheit (Ignorantia simplex) und der vorsätzlichen Unwissenheit (Ignorantia affectata) insofern von Nutzen sein, als dass wir damit eher erkennen können, wie der andere eingestellt ist. Menschen mit einfacher Unwissenheit benötigen Hilfe in kleinen Schritten statt komplexer Erklärungen. Bei absichtlicher Unwissenheit sollte man sich mit Belehrungen zurückhalten, aber eine klare Haltung zeigen. Man kann immer erzählen, wie man zum Glauben gefunden hat. Es ist allerdings nicht nötig, sich in Endlosdiskussionen verwickeln zu lassen, und man darf auch mal ein Ende setzen – nicht ohne die Bereitschaft zu zeigen, zu einem anderen Zeitpunkt wieder über den Glauben sprechen zu wollen. In diesem Zusammenhang muss man auch mit arrogantem Verhalten und Klassikern wie „Wer’s glaubt, wird selig” rechnen. Wir haben unseren Glauben jedenfalls bekundet und dürfen darauf vertrauen, dass Gott Wege finden wird, wenn wir selbst nicht weiterwissen.

Gebet
HERR, fülle mich mit Weisheit, Sanftmut und Festigkeit. Lehre mich, dir zu vertrauen, dass du Wege findest, wo meine Worte nicht ausreichen. Amen.

Lassen wir das Wort in uns arbeiten

Seid aber Täter des Wortes und nicht nur Hörer.
Jakobus 1,22

Wir schlagen die Bibel oft auf, als wäre sie ein fertiges Paket: Man liest, nimmt etwas mit, klappt sie wieder zu. Fertig. Doch so funktioniert lebendiger Glaube nicht. Die Bibel entfaltet ihre Kraft erst, wenn wir uns aktiv auf sie einlassen. Denn Texte bleiben nicht leer. Wir füllen sie mit unseren Vorstellungen, Fragen und Erfahrungen. Wir sind nicht nur passive Empfänger, sondern auch Sinnbildner. Im Lesen kann ein schöpferischer Akt entstehen. Darum ist es gut, Eindrücke zu formulieren: Worte, Bilder, Gebete, kleine Dialoge, die beim Lesen auftauchen. Es ist nicht falsch, Vermutungen anzustellen oder eigene Formulierungen zu finden. Im Gegenteil: So beginnt der Text, in uns zu arbeiten.

Oft hilft es, mit einem anderen Leser ins Gespräch zu kommen. Dafür braucht es Räume, in denen solche Begegnungen möglich sind. Ich denke hier an Bibelkreise. Es gibt selten nur eine einzige richtige Deutung. Wir sind herausgefordert, weil wir aussprechen müssen, was uns aufgefallen ist. Im Austausch können wir unsere Eindrücke prüfen, vertiefen und zu neuen Einsichten gelangen.

Die Bibel ist Gottes Wort. Sie will aber nicht nur ehrfürchtig respektiert werden und unangetastet bleiben. Gespielte Ehrfurcht ist nur ein Deckmantel für Gleichgültigkeit. Nur wer sich dem Text wirklich aussetzt, wird berührt, bewegt und verwandelt.

Gebet
HERR, öffne unser Herz für dein Wort. Lass uns nicht nur lesen, sondern aufmerksam hören und antworten. Schenke uns die Gelegenheit, unsere Eindrücke zu teilen und gemeinsam zu entdecken, was du uns sagen willst. Amen

Wie gebe ich richtig?

Jakob gelobte Gott: Von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben.
1. Mose 28,22

    Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.
    2. Korinther 9,7

    Die heutige Tageslosung soll uns daran erinnern, wie viel Gott uns anvertraut hat und wie unterschiedlich wir damit umgehen. Zwischen den Anforderungen des Alltags und den Appellen, die von allen Seiten an uns herangetragen werden, steht der Christ oft in einem Spannungsfeld: Wie gebe ich richtig? Und wem bin ich überhaupt etwas schuldig?

    Wir leben in einer Welt, in der ständig an unsere Großzügigkeit appelliert wird – für Projekte, für Menschen, für gute Zwecke. Gleichzeitig hören wir in der Bibel von Freiheit, von innerer Haltung, von einem Geben, das nicht aus Druck entsteht, sondern aus Vertrauen. Genau dort beginnt das christliche Verständnis des Gebers: nicht im moralischen Muss, sondern im geistlichen Darf. Zu dieser Frage, wie man richtig gibt, habe ich in der Vergangenheit zwei Andachten verfasst, in denen ich mich um Klärung bemüht habe.

    Appelle an unsere Spendenbereitschaft
    Wahre Großzügigkeit entsteht aus Freiheit, nicht aus Druck. Jesu Lob der Witwe zeigt: Gott sieht das Herz, nicht die Höhe der Gabe. Spenden dürfen erbeten, aber nie eingefordert werden.

    Verzicht auf Besitz – eine Forderung der Bibel?
    Die Bibel verlangt keinen völligen Besitzverzicht. Sie verwandelt vielmehr unser Verhältnis zum Eigentum: Nicht Zwang, sondern innere Freiheit und freiwillige Großzügigkeit prägen christliches Geben.