Andacht Heute

Jubel und Tränen

Als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten.
Lukas 19,37

Die Jünger freuten sich, denn sie erinnerten sich an das, was sie bei Jesus gesehen hatten: seine Heilungen und all die Begegnungen, durch die Menschen verändert worden waren. Sie erhoben laut ihre Stimme. Das gefiel den Pharisäern jedoch nicht. Sie forderten Jesus auf, seine Jünger zum Schweigen zu bringen. Doch Jesus erwiderte: „Wenn diese schweigen, werden die Steine schreien.“ Weil er sah, was die nahe Zukunft bringen würde, brach er mitten in dieser Freude in Tränen aus. Er blickte auf eine Stadt, die ihn nicht erkennen würde, in der eine aufgehetzte Menge seinen Tod fordern würde. Und er sieht den Untergang, der auf Jerusalem zukommen wird. Und trotzdem lässt er den Jubel zu. Denn beides gehört zusammen: die Freude über Gottes rettendes Handeln und die Trauer über eine Welt, die sich diesem Frieden verschließt.

Wenn wir als Christen die heutige Welt betrachten, so können wir, wenn auch nicht in der damaligen Verdichtung in Jerusalem, diese große Tragik des Menschseins deutlich erkennen. Durch seinen Akt der Aufopferung hat uns Jesus die Erlösung und damit den Heilsweg geschenkt. Dennoch wollen viele dies nicht sehen, missachten ihn und erkennen nicht, dass sie sich schrecklich verrennen. Sie sehen nur die gegenwärtigen Probleme und Krisen, aber nicht den stillen Ruf Jesu: „Kehrt um.”

Gebet
HERR Jesus Christus, so viele Menschen sehen deinen Weg der Erlösung nicht. Du weißt, was ihre Herzen verschließt. Öffne ihre Herzen für deine Liebe. Amen.

Der Wirklichkeit das Haar zerzausen

Der Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.
1. Samuel 16,7

In den Tagebüchern von Martin Walser lese ich einen Eintrag aus dem Jahr 1958: „Der Wirklichkeit das Haar zerzausen, um unter ihrer Frisur die Schuppen und die Haarwurzeln zu sehen.“ Man könnte dies als Aufgabe des Dichters deuten, der die sichtbare Ordnung durcheinanderbringt, um das Verborgene freizulegen. Er ist es, der die Welt nicht in ihrer Vordergründigkeit akzeptiert. Unter der glatten Oberfläche macht er das Verborgene sichtbar, indem er das Sichtbare irritiert.

Nicht anders ist es bei Gott. Für ihn ist es nicht entscheidend, dass wir uns nur um unser Outfit kümmern und ständig frisch gekämmt sind. Auch wenn wir jede Woche einen Frisiersalon aufsuchen: Er sieht tiefer und dringt bis in die Haarwurzeln unserer Seele vor. Ihm können wir nichts vormachen, wir brauchen es gar nicht erst versuchen. Deshalb dürfen wir so vor Gott stehen: nicht perfekt frisiert, nicht als makellose Gutmenschen, sondern echt. Mit allem, was sichtbar ist, und allem, was verborgen bleibt.

Gebet
HERR, vor dir müssen wir uns nicht auffrisieren. Du kennst uns durch und durch. Wir brauchen dir nichts vormachen, können sein wie wir sind. Gib uns den Mut, ehrlich hinzusehen auf uns selbst und auf die Menschen um uns, auf das, was verborgen liegt und doch wahr ist. Amen.

Gott hat jeden Tag gemacht

Dies ist der Tag, den der HERR macht.
Psalm 118,24

Ich sehe nach draußen. Es regnet kräftig. Da bleibt man lieber zu Hause. Mir kommt der Gedanke: „Wird sich wohl nicht viel ereignen heute.” Aber nur weil der Tag grau erscheint, ist er nicht leer. Jeder Tag besteht aus auftauchenden Momenten. Man muss nur auf die kleinen Dinge achten, die auch da sind. Ich höre ein Geräusch, das mich aus meinen Gedanken holt. Mir fällt ein Satz vom Vortag ein, den jemand beiläufig gesagt hat und der mich beeindruckt hat. Ein Gefühl meldet sich, ohne dass wir wissen, wie es entstanden ist. Da steht ein Buch im Regal, das wir hervorholen und neu entdecken. Wir können diese Momente als nebensächlich abtun, dann haben sie uns auch nichts zu sagen. Aber auch einen trüben Tag wie diesen hat der Herr gemacht. Betrachten wir das Auftauchende als sein Angebot, dann sind es kleine Winke Gottes. Nehmen wir den Tag als ein Gespräch, das Gott mit uns beginnt und auf unsere Antwort wartet.

HERR, lass mich wach sein für das, was auftaucht. Öffne meine Augen für die kleinen Offenbarungen, die du mir jeden Tag schenkst. Amen.