Andacht Heute

Wie komme ich im Himmel an?

Ein Geduldiger ist besser als ein Starker, und wer sich selbst beherrscht, besser als einer, der Städte erobert.
Sprüche 16,32

Manchmal sieht man bei „Verstehen Sie Spaß“ Menschen, die in einer ärgerlichen Situation völlig aus der Haut fahren. Andere dagegen reagieren mit Humor, Gelassenheit oder einem Lächeln. Genau diese Menschen kommen beim Publikum am besten an. Man spürt: Sie haben ihre Emotionen im Griff, statt dass ihre Emotionen sie im Griff haben.

Ich stelle mir jetzt vor, wie es wäre, wenn es im Himmel eine ähnliche Sendung über uns gäbe. Nicht spöttisch, nicht bloßstellend — sondern liebevoll beobachtend. Eine Art göttliche Perspektive auf unseren Alltag: Wie wir reagieren, wenn etwas schiefgeht. Wie wir mit Menschen umgehen, die uns nerven. Wie wir uns verhalten, wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen. Und ich frage mich: Wie würde mein Verhalten dort kommentiert werden? Vielleicht so: „Hier hätte er fast die Geduld verloren, aber er hat sich gefangen.“ „Dieser Moment war schwer, aber er hat Humor hineingebracht. Schön.“ Oder auch: „Hier hätte ein bisschen Gelassenheit nicht geschadet.“

Die Bibel sagt: Wer sich selbst beherrscht, ist stärker als jemand, der eine Stadt erobert. Das ist ein erstaunlicher Satz. Er bedeutet: Die größte Kraft zeigt sich nicht im Durchsetzen, sondern im Durchatmen. Gelassenheit ist keine Schwäche. Sie ist geistliche Reife. Humor ist kein Ausweichen, sondern ein Zeichen von Freiheit. Und: Selbstbeherrschung ist ein Geschenk des Heiligen Geistes. Legen wir unsere Emotionen in Gottes Hände.

Gebet
HERR, schenke mir Gelassenheit, wenn ich mich angegriffen fühle. Und schenke mir die Weisheit, meine Gefühle zu ordnen, statt mich von ihnen beherrschen zu lassen. Amen,

Sehen lernen

Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz, und erneuere in mir einen festen Geist! 
Psalm 51,12

Ich gehe durch eine Stadt und sehe einen Obdachlosen auf einer Parkbank. Es gibt für mich jetzt die Möglichkeit zu denken: „Ich sehe einen Menschen, der auf einer Bank sitzt. Seine Kleidung ist abgetragen. Er schaut auf den Boden. Er wirkt müde und etwas apathisch.“ Ich könnte die Situation auch so beschreiben: „Das ist wieder ein typisches Opfer des Kapitalismus. Hier zeigt sich das Sozialversagen des Staates.“ Im ersten Fall ist die Herangehensweise phänomenologisch, das heißt, ich beschreibe etwas, was vor mir erscheint, ohne Vorannahmen zu treffen. Ich konzentriere mich auf die Wahrnehmung, Gestalt und Stimmung. Im anderen Fall ist meine Sichtweise ideologisch. Ich orientiere mich an einem vorgefertigten Deutungsraster, das die Wahrnehmung sofort in ein System einordnet. Auf diese Weise sehe ich nur, was in mein Schema passt. Ich erkläre mir das Wahrgenommene, ohne genauer hinzusehen. Der Phänomenologe sagt: „Schau erst genau hin.“ Der Ideologe: „Ich weiß schon, was das bedeutet.“ Wenn ich mich selbst beobachte, beispielsweise bei einem Spaziergang durch eine Stadt, kann ich mir die Fragen stellen, ob ich lange genug bei den Phänomenen bleibe und wie schnell ich in Deutungen hineinrutsche.

Das sind Fragen, die mich auch beim Bibellesen begleiten könnten. Wenn ich mir sofort auf des Gelesene einen Reim mache und alles nach eigenem Gutdünken im Handumdrehen interpretiere, dann nehme ich mir dadurch die Möglichkeit, genauer hinzusehen und den Text auf mich wirken zu lassen.

Gebet
HERR, du weißt, wie wir die Welt deuten, und wie schnell wir in Bildern, Mustern und Ideologien gefangen sind. Schenke uns einen Blick, der frei wird, weil er sich an deiner Wahrheit orientiert und nicht an unseren eigenen Konstruktionen. Amen.

Die Kraft der Wiederholung

Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, so kann er nicht in das Reich Gottes eingehen!
Johannes 3,5

„Und manchmal bewegte der Nachtwind die Füße des Priesters so, daß sie wie stumme Klöppel einer taubstummen Glocke am Rand des Priestergewandes schlugen und, ohne einen Klang hervorzurufen, dennoch zu läuten schienen.“ Michael Maas bringt dies als Beispiel in seinem Buch „Die Schlange im Wolfspelz – Das Geheimnis großer Literatur“. Es geht um die Stelle in Joseph Roths Roman „Radetzkymarsch“, als es um den Anblick dreier, an Stricken hängender, Leichen geht. Das Adjektiv „stumm“ kommt in diesem Satz in auffälliger Weise zweimal kurz hintereinander vor. Im Deutschunterricht wurde uns eingebläut, nicht im gleichen Satz oder im nächsten dasselbe Wort zu benutzen. In der Schule ist das wohl so richtig. Schüler sollen Wiederholungen vermeiden und sich die Mühe machen, ein anderes Wort zu finden. Literaten dürfen sich aber wiederholen, um etwas zu betonen. Roth macht dies in souveräner Weise.

Auffällige Wiederholungen gehören auch zu den wichtigsten Stilmitteln der Bibel. Die Worte von Jesus werden eingeleitet mit „wahrlich,wahrlich“ im Original „amen,amen“. Das Beispiel zeigt, wie lächerlich es wäre, hier den Rotstift zu benutzen. Die Sprache Gottes ist gedächtnisorientiert. Wiederholungen unterstützen die Merkfähigkeit. Was besonders wichtig ist, wird wiederholt. Wiederholungen erinnern uns daran, dass wir von Gott beiläufig angesprochen werden, sondern mit Nachdruck. Er sagt nicht nur einmal, dass wir gemeint sind. Er sagt es zweimal und er sagt es noch öfter, bis es ankommt.

Gebet
HERR Jesus, du wiederholst, was wir so leicht überhören: dass wir von dir gerufen sind und getragen werden. Amen.