Andacht Heute

Die fromme Helene und das Gesetz der Sünde

Ich stelle also folgende Gesetzmäßigkeit bei mir fest: So sehr ich das Richtige tun will – was bei mir zustande kommt, ist das Böse. Zwar stimme ich meiner innersten Überzeugung nach dem Gesetz Gottes mit Freude zu, doch in meinem Handeln sehe ich ein anderes Gesetz am Werk. Es steht im Kampf mit dem Gesetz, dem ich innerlich zustimme, und macht mich zu seinem Gefangenen. Darum stehe ich nun unter dem Gesetz der Sünde, und mein Handeln wird von diesem Gesetz bestimmt.
Römer 7,21-23

Von Wilhelm Busch stammt der Satz: „Das Gute – dieser Satz steht fest – ist stets das Böse, was man lässt.“ Damit drückte der große Humorist einen ähnlichen Gedanken aus, wie ihn Paulus in seinem Römerbrief vorbringt. Das Gute zeigt sich darin, dass man dem Bösen keinen Raum gibt. Busch zeigt mit bitterem Humor, wie schwer dies ist. Seine „fromme Helene” weiß sehr wohl, was gut wäre. Sie kennt Moral, Anstand und Frömmigkeit und möchte richtig handeln. Sie nimmt sich vor, tugendhaft zu leben, verfällt aber immer wieder in ihr altes Laster („Es ist ein Brauch von alters her: Wer Sorgen hat, hat auch Likör.“). Dies wird ihr schließlich zum Verhängnis. Am Ende der Geschichte ist Helene betrunken, verliert das Gleichgewicht und stürzt in einen gerade angeheizten Ofen. Sie verbrennt.

Paulus beschreibt im Römerbrief den gleichen Zwiespalt, mit dem der Mensch leben muss: Der „innere Mensch“ freut sich an Gottes Gesetz. Seine „Glieder“ folgen jedoch einem anderen Gesetz, dem „Gesetz der Sünde“. Es hilft ihm keine religiöse Selbstoptimierung, auch wenn er sich immer wieder vornimmt, sich noch mehr anzustrengen und nicht mehr zu sündigen. Aus eigener Kraft wird ihm das niemals gelingen. Die einzige Lösung für ihn liegt in Jesus Christus. Durch ihn wird er nicht befreit, indem die Gebote Gottes abgeschafft werden, sondern indem er aus der Macht der Sünde herausgelöst wird. Wir vermeiden die Gewöhnung an die Sünde nicht, indem wir uns mehr anstrengen, sondern indem wir näher bei Christus bleiben.

Aus dem Glauben heraus gestalten

Der HERR sagte zu Mose: „Ich habe Bezalel, den Sohn Uris und Enkel Hurs aus dem Stamm Juda, auserwählt, um die Arbeiten am Heiligtum zu leiten. Ich habe ihn mit meinem Geist erfüllt und ihm Weisheit, Verstand, handwerkliche Kenntnisse und künstlerisches Geschick gegeben.“
2. Mose 31,1-3

Dies ist eine der wenigen Stellen in der Bibel, in der es um künstlerische Betätigung geht. Gott beruft Bezalel und im weiteren Verlauf Oholiab, sich als Kunsthandwerker in den Bau der Stiftshütte, dem transportablen Heiligtum in der Wüste, einzubringen. Wir sehen, dass er die Künstler beim Namen nennt, sie mit seinem Geist begabt und sie beauftragt, Schönheit zu schaffen. Es ist offensichtlich, dass Kunst in früherer Zeit überwiegend funktional war: Man benötigte Kunsthandwerk zur Ausschmückung von Tempeln und später von Kirchen. Musik diente bei Festen und Gottesdiensten. Literatur wurde zur Erbauung und zum Festhalten von Weisheiten benötigt.

Die Vorstellung von einer „freien, autonomen Kunst und Kultur” entwickelte sich erst in der Neuzeit. Heute ist es längst legitim, diese Tätigkeiten ohne offiziellen Auftrag, nur für sich, auszuüben. So sagte jemand: „Ich male und zeichne für meinen Seelenfrieden und um meine geistige Gesundheit zu bewahren.“ Kunst, Musik und Literatur sind somit Ausdrucksmöglichkeiten, die heute jedem von uns offenstehen. Eigenes Schreiben, Malen und Musizieren sind Weisen, das Leben zu ordnen und zu gestalten. Der Mensch braucht den künstlerischen Ausdruck – nicht nur funktional und nützlich, sondern frei. Freie Kunst ist die persönliche Auseinandersetzung mit dem Leben. Ein Raum, in dem ich Worte, Farben, Linien und Klänge finde, ohne dass mir jemand etwas vorschreibt. So können wir die Bibel nicht nur lesen, sondern auch ausformen. Ein Psalm kann zu einem eigenen Gedicht werden. Aus einem Vers kann eine Skizze oder ein Bild entstehen, das durch den Tag trägt. Ein Gedanke zu einem Bibelvers kann sich in ein Gebet verwandeln.

Ein Gedicht über Tränen

Nahe ist der HERR denen, die zerbrochenen Herzens sind, und die zerschlagenen Geistes sind, rettet er.
Psalm 34,19

Das Gedicht „Tränen in schwerer Krankheit” von Andreas Gryphius beginnt mit den Zeilen: „Mir ist, ich weiß nicht wie, ich seufze für und für.” In diesem Sonett zeigt sich die barocke Vorstellung von Schwermut als körperliche Schwäche und als körperlich-seelisch-geistliche Krise gedeutet wurde. Die damalige Temperamenten- und Säftelehre erklärte psychische Zustände zugleich medizinisch und moralisch. Schwermut und Angst wurden als Zeichen mangelnden Gottvertrauens gedeutet. Somit war es möglich, psychisches Leiden als geistliche Prüfung oder gar als Versagen zu erklären. Krankheit und Melancholie galten dann als Abweichungen vom rechten Glauben. Wenn dies im Interesse der herrschenden Ordnung war, konnte es zur Diffamierung genutzt werden. Der von Depressionen gezeichnete Mensch wurde als schwerer Sünder dargestellt und gesellschaftlich geächtet, weil er sich angeblich von Gott entfernt habe.

Wir können heute über diese vorsintflutlichen Vorstellungen den Kopf schütteln, denn wir wissen heute mehr über psychische Belastungen und Depressionen. Wenn wir allerdings die Arroganz der Spätgeborenheit abstreifen, können wir das vorliegende Gedicht mit anderen Augen lesen und durchaus etwas lernen. Es zeigt uns einen Weg zu mehr Ehrlichkeit, Demut und Gottvertrauen. Dann werden diese poetischen Tränen zu einem Gebet:

Tränen in schwerer Krankheit

Mir ist, ich weiß nicht wie, ich seufze für und für.
Ich weine Tag und Nacht, ich sitz in tausend Schmerzen;
Und tausend fürcht‘ ich noch; die Kraft in meinem Herzen
Verschwindt, der Geist verschmacht‘, die Hände sinken mir.

Die Wangen werden bleich, der muntern Augen Zier
Vergeht gleich als der Schein der schon verbrannten Kerzen.
Die Seele wird bestürmt, gleich wie die See im Märzen.
Was ist dies Leben doch, was sind wir, ich und ihr?

Was bilden wir uns ein, was wünschen wir zu haben?
Itzt sind wir hoch und groß, und morgen schon vergraben:
Itzt Blumen, morgen Kot. Wir sind ein Wind, ein Schaum,

Ein Nebel und ein Bach, ein Reif, ein Tau, ein Schatten;
Itzt was und morgen nichts. Und was sind unsre Taten
Als ein mit herber Angst durchmischter Traum.