Andacht Heute

Mit dankbarem Herzen verwurzelt sein

Wie ein Baum in der Erde, so sollt ihr in Christus fest verwurzelt bleiben, und nur er soll das Fundament eures Lebens sein. Haltet fest an dem Glauben, den man euch lehrte. Für das, was Gott euch geschenkt hat, könnt ihr ihm gar nicht genug danken.
Kolosser 2,6

Was könnte dieses „Verwurzeltsein in Christus“ für mich bedeuten? Vielleicht hilft uns ein einfaches Bild: Stellen wir uns einen Apfelbaum vor. Er steht fest, selbst wenn der Wind kräftig bläst. Er muss sich nicht anstrengen, Früchte hervorzubringen. Sie wachsen, weil seine Wurzeln ihn versorgen – still, zuverlässig, Tag für Tag.

So ähnlich kann es auch mit unserem Leben sein. Wenn Christus die Wurzel ist, aus der wir Kraft schöpfen, dann entsteht vieles, was wir uns wünschen – Liebe, Geduld, Freundlichkeit – nicht durch Druck oder Perfektionismus, sondern fast wie von selbst. Nicht, weil wir uns besonders anstrengen, sondern weil wir genährt werden.

Verwurzeltsein heißt nicht: „Ich muss mehr tun.“ Es heißt eher: „Ich darf mich halten lassen.“ Und aus dieser Ruhe heraus entdecken wir, dass sich Gelegenheiten ergeben, unsere Gaben einzusetzen – ohne Stress, ohne den Anspruch, alles perfekt zu machen. Wir dienen aus Freude, nicht aus Pflichtgefühl. Die Bibel nennt das „Frucht“. Und sie erinnert uns daran, dass Frucht ein Geschenk ist. Nicht unser Werk, sondern Gnade.

Wenn wir spüren, dass wir gehalten sind, fällt es leichter, an dem festzuhalten, was uns trägt – an den guten, klaren Worten der Bibel, die uns Orientierung geben. Und am Ende dieses kleinen Abschnitts im Kolosserbrief steht der schöne Satz: Wir können Gott gar nicht genug danken für all das, was er uns schenkt. Er sagt uns nicht: „Du musst ständig dankbar sein.“ Er sagt eher: „Schau einfach hin – es wurde dir so vieles geschenkt, das dich trägt und hält.“

Täglicher Wissensdurst im Glauben

Mit großer Bereitwilligkeit gingen sie auf das Evangelium von Jesus Christus ein, und sie studierten täglich die Heilige Schrift, um zu prüfen, ob das, was Paulus lehrte, mit den Aussagen der Schrift übereinstimmte.
Apostelgeschichte 17,11

Die Beröer werden hier als Vorbild genannt, da sie ein Musterbeispiel dafür sind, wie man mit dem Evangelium umgehen sollte: offen, an der Schrift orientiert und ohne Angst vor der Wahrheit. Ihr Glaube entstand durch ein ehrliches, prüfendes Hören. Ein solcher Glaube hat nichts mit einem Erbstück zu tun, das man von Eltern, Gemeinde und Kultur übernimmt. Ihre Motivation war nicht die Erhaltung einer Tradition oder die Nachgiebigkeit gegenüber Gruppendruck oder dem Konsumieren von Gedanken anderer.

Die Beröer eignen sich somit als Modell für eine lebendige christliche Gemeinde. Sie begegneten dem Evangelium mit Offenheit, prüften das Gehörte an der Schrift und suchten nach Wahrheit statt nach Bestätigung ihrer Ansichten. Sie hatten einen „gesunden Wissensdurst”, mit dem sie allen Fragen nachgingen, die sie bewegten. Es ist sehr anregend, Glaubensfragen nicht zu verdrängen, sondern ihnen nachzugehen. Gerade im Ringen, im Suchen und im Prüfen wird der Glaube lebendig und persönlich. Wer sich darauf einlässt, wird erkennen, dass dies zwar mühsamer ist, sich aber immer lohnt. Der Glaube wird dadurch nicht einfacher, aber echter, tiefer verwurzelt und gereifter.

Gottes Treue zu Israel

Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat.
Römer 11,2

Vor allem durch den Einfluss der Kirchenväter im 2.–5. Jahrhundert entwickelte sich die sogenannte Ersatztheologie. Dabei wurde behauptet, dass die Kirche das „wahre Israel” sei. Damit sollte erklärt werden, warum die Mehrheit der Juden Jesus nicht annahm. Im Mittelalter wurde diese Auffassung bekräftigt und die Juden wurden als „verworfenes Volk” betrachtet. Dies führte zu Diskriminierung, Zwangsmission und Pogromen. Die Reformatoren des 16. Jahrhunderts korrigierten diese Sicht nicht, sondern verschärften sie sogar noch. Luther war antijüdisch eingestellt und Calvin maß dem Volk Israel keine besondere Rolle mehr zu. Damit wurde die Ersatztheologie zum protestantischen Standard.

Mittlerweile haben sich die meisten großen protestantischen Kirchen (EKD, Reformierte, Anglikaner, Lutheraner weltweit) von der Ersatztheologie distanziert. Man ist zur Position des Paulus zurückgekehrt, wie sie in diesem Bibeltext dargestellt wird: Israel bleibt Gottes Volk, Gottes Bund mit Israel gilt weiterhin und Antijudaismus wird theologisch abgelehnt. Trotz dieser offiziellen Korrektur lebt die Ersatztheologie bei Traditionalisten und auch in manchen freikirchlichen Kreisen weiter. Dort wird Israel beispielsweise als „negatives Beispiel” dargestellt und es fallen Sätze wie „Die Juden haben Jesus verworfen” oder „Wir sind an Israels Stelle getreten”. Wenn wir so etwas hören, sollten wir auf Paulus verweisen. In Römer 11 ruft er die Gemeinde dazu auf, Gottes unwiderrufliche Treue zu Israel zu ehren, in Demut auf der jüdischen Wurzel zu stehen und die Hoffnung auf Gottes zukünftiges Handeln an seinem Volk wachzuhalten.