Andacht Heute

Sehen lernen

Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz, und erneuere in mir einen festen Geist! 
Psalm 51,12

Ich gehe durch eine Stadt und sehe einen Obdachlosen auf einer Parkbank. Es gibt für mich jetzt die Möglichkeit zu denken: „Ich sehe einen Menschen, der auf einer Bank sitzt. Seine Kleidung ist abgetragen. Er schaut auf den Boden. Er wirkt müde und etwas apathisch.“ Ich könnte die Situation auch so beschreiben: „Das ist wieder ein typisches Opfer des Kapitalismus. Hier zeigt sich das Sozialversagen des Staates.“ Im ersten Fall ist die Herangehensweise phänomenologisch, das heißt, ich beschreibe etwas, was vor mir erscheint, ohne Vorannahmen zu treffen. Ich konzentriere mich auf die Wahrnehmung, Gestalt und Stimmung. Im anderen Fall ist meine Sichtweise ideologisch. Ich orientiere mich an einem vorgefertigten Deutungsraster, das die Wahrnehmung sofort in ein System einordnet. Auf diese Weise sehe ich nur, was in mein Schema passt. Ich erkläre mir das Wahrgenommene, ohne genauer hinzusehen. Der Phänomenologe sagt: „Schau erst genau hin.“ Der Ideologe: „Ich weiß schon, was das bedeutet.“ Wenn ich mich selbst beobachte, beispielsweise bei einem Spaziergang durch eine Stadt, kann ich mir die Fragen stellen, ob ich lange genug bei den Phänomenen bleibe und wie schnell ich in Deutungen hineinrutsche.

Das sind Fragen, die mich auch beim Bibellesen begleiten könnten. Wenn ich mir sofort auf des Gelesene einen Reim mache und alles nach eigenem Gutdünken im Handumdrehen interpretiere, dann nehme ich mir dadurch die Möglichkeit, genauer hinzusehen und den Text auf mich wirken zu lassen.

Gebet
HERR, du weißt, wie wir die Welt deuten, und wie schnell wir in Bildern, Mustern und Ideologien gefangen sind. Schenke uns einen Blick, der frei wird, weil er sich an deiner Wahrheit orientiert und nicht an unseren eigenen Konstruktionen. Amen.

Die Kraft der Wiederholung

Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, so kann er nicht in das Reich Gottes eingehen!
Johannes 3,5

„Und manchmal bewegte der Nachtwind die Füße des Priesters so, daß sie wie stumme Klöppel einer taubstummen Glocke am Rand des Priestergewandes schlugen und, ohne einen Klang hervorzurufen, dennoch zu läuten schienen.“ Michael Maas bringt dies als Beispiel in seinem Buch „Die Schlange im Wolfspelz – Das Geheimnis großer Literatur“. Es geht um die Stelle in Joseph Roths Roman „Radetzkymarsch“, als es um den Anblick dreier, an Stricken hängender, Leichen geht. Das Adjektiv „stumm“ kommt in diesem Satz in auffälliger Weise zweimal kurz hintereinander vor. Im Deutschunterricht wurde uns eingebläut, nicht im gleichen Satz oder im nächsten dasselbe Wort zu benutzen. In der Schule ist das wohl so richtig. Schüler sollen Wiederholungen vermeiden und sich die Mühe machen, ein anderes Wort zu finden. Literaten dürfen sich aber wiederholen, um etwas zu betonen. Roth macht dies in souveräner Weise.

Auffällige Wiederholungen gehören auch zu den wichtigsten Stilmitteln der Bibel. Die Worte von Jesus werden eingeleitet mit „wahrlich,wahrlich“ im Original „amen,amen“. Das Beispiel zeigt, wie lächerlich es wäre, hier den Rotstift zu benutzen. Die Sprache Gottes ist gedächtnisorientiert. Wiederholungen unterstützen die Merkfähigkeit. Was besonders wichtig ist, wird wiederholt. Wiederholungen erinnern uns daran, dass wir von Gott beiläufig angesprochen werden, sondern mit Nachdruck. Er sagt nicht nur einmal, dass wir gemeint sind. Er sagt es zweimal und er sagt es noch öfter, bis es ankommt.

Gebet
HERR Jesus, du wiederholst, was wir so leicht überhören: dass wir von dir gerufen sind und getragen werden. Amen.

Wachsam sein aus Liebe – nicht aus Angst

Seid also zu jeder Zeit bereit, denn der Menschensohn wird gerade dann kommen, wenn ihr am wenigsten damit rechnet!
Matthäus 24,44

Viele Prediger haben diesen Text schon benutzt, um ihre Hörer aufzurütteln. Sie wollten Menschen wach machen, aber sie haben sie erschreckt. Sie wollten Ernst vermitteln, aber sie haben Druck erzeugt. Angst kann kurzfristig wachrütteln, aber sie kann nichts dauerhaft Gutes hervorbringen. Sie führt zu Verkrampfung und ständiger Selbstbeobachtung statt zu Vertrauen und Freiheit.

Dabei arbeitet das Evangelium nie mit Angst. Jesus weist im Vers nur darauf hin, dass wir bereit sein sollen und nicht, dass wir uns fürchten sollen, weil er uns überraschen könnte. Wir sollten allerdings nicht verdrängen, dass unser Leben ein Ziel hat. Unser Leben sollten wir bewusst gestalten und Christus erwarten, ihn aber nicht fürchten. Als Christen leben wir nicht in Schuld und Sorge, sondern hoffnungsvoll. Nicht geduckt, sondern aufgerichtet. Nicht in Angst vor dem Kommen Jesu, sondern in Sehnsucht nach ihm.

Gebet
HERR Jesus Christus, du kommst nicht, um uns zu erschrecken, sondern um uns heimzuholen. Lass uns nicht gebeugt gehen, sondern aufgerichtet, nicht schuldbeladen, sondern getragen von deiner Gnade. Amen.