3. Fortsetzung des Zeugnisses

von Sam Stern

Meine Ausbildung

Nach meiem Bar-Mizwa wurde ich auf eine rabbinische höhere Schule geschickt, mit dem Ziel, Rabbiner zu werden. Von meinem dreizehnten bis zweiundzwanzigsten Lebensjahr besuchte ich verschiedene Schulen, in denen das Hauptfach der Talmud war.

Der Talmud besteht aus 60 Büchern, die sich mit dem täglichen Leben befassen. Behandelt werden vor allem Sach-und Personenschäden, Feiertage, Ehe und Ehescheidung, Gebete und landwirtschaftliche Probleme, meistesn in Form von Diskussionen. Ein Rabbiner sagt zum Beispiel, dass ein Ei, welches an einem Feiertag gelegt wurde, koscher ist, während ein anderer Rabbiner erklärt, so ein Ei sei nicht koscher, sondern Trefa. Der Talmud ist eine Sammlung von gelehrten Streitfagen; außerdem beschäftigen wir uns mit Mystik, Methaphysik und Volkskunde.

Als Talmud-Student musste ich den Namen jedes Rabbiners kennen, der etwas über Schäden, Feiertage usw. zu sagen hatte. Die bekanntesten, die für den Talmudisten so wichtig und verbindlich sind, wie der Talmud selber, sind: Rambam, Rosch u. a. Ich musste all diese Meinungen und Aussprüche kennen.

Wir hatten so viel zu lernen, dass selbst für die einfachsten normalen Schulfächer keine Zeit blieb. Ich wusste nichts von Arithmetik, Geografie usw. aber mit 22 Jahren galt ich als Lamdan, das heißt als Kenner des Talmud.

Fortsetzung:
Beginn des 2. Weltkrieges

2. Fortsetzung des Zeugnisses

von Sam Stern

Mein erstes Zusammentreffen mit Nichtsjuden.

Als ich sechs Jahre alt war, wollte ich einmal außerhalb des jüdischen Ghettos spazieren gehen. Plötzlich warf ein anderer Junge einen Stein nach mir und schrie: „Jude, Jude!“

Als Kind wusste ich nichts vom Hass des Nichtjuden gegen Juden. Ganz überrascht und verängstigt rannte ich nach Haus und erzählte es meiner Mutter:“Ein Junge hat mich mit einem Stein beworfen und ‚Jude, Jude‘ gerufen. Warum schmeißt dieser Junge mich mit Steinen? Warum nennt er mich ‚Jude‘? Ich kenne diesen Jungen doch garnicht. Warum hasst er mich, wenn ich ihn noch nie vorher gesehen habe? “

„Er ist Christ und die Christen hassen die Juden. Auch wenn er dich nicht kennt, ist er dein Feind.“
„Aber warum ist er mein Feind“, fragte ich weiter.

„Er glaubt, was man ihm erzählt hat. Die Priester, seine Lehrer und seine Eltern erzählen ihm, dass er die Juden hassen muss. Darum hasst er dich, auch wenn er keinen Grund dazu hat. Aber wenn der Messias kommt, dann werden wir nicht mehr die Letzten, sondern die Ersten sein. Dann werden wir nach Palästina zurück gehen und niemand wird uns mehr verfolgen.“
„Aber wann kommt der Messias?“fragte ich weiter.
„Das wissen wir nicht, aber eines Tages wird er kommen. Dann werden wir nicht mehr unter den Christen leiden.“

Diese Hoffnung auf das Kommen des Messias begleitete mich durch mein ganzes Leben und half mir, Leiden und Demütigungen von meinen nichtjüdischen Nachbarn zu ertragen.

Fortsetzung folgt.

Meine Ausbildung

 

 

1. Fortführung des Zeugnisses

Die Nichtjuden und ich (von Sam Stern)

Meine Eltern waren streng orthodox. Vater war Rabbiner und ging dreimal täglich in die Synagoge, um zu beten. Wir hielten alle jüdischen Gesetze des Talmuds; denn unsere Eltern wünschten, dass wir orthodoxe Juden bleiben sollen. Wir wohnten in Polen in einer kleineen Stadt, nahe bei Warschau. 500 jüdische und 800 polnische Familien lebten dort sehr unterschiedlich, wie durch Mauern getrennt:
1. Kleidung: Wir Juden trugen schwarze Mäntel, die Kaftane, und schwarze Hüte, die jiddische Hütel. Die Polen hingegen waren europäisch gekleidet. Wir Juden betrachteten es als große Sünde, europäische Kleidung zu tragen.
2. Sprache: Wir Juden sprachen Jiddisch, eine mit hebräischen und slawischen Worten gemischte germanische Sprache, während die Polen polnisch sprachen.
3. Religion: Wir Juden hielten unsere Gottesdienste in den Synagogen, wo auch gesellige Veranstaltungen stattfanden und die bibel und der Talmud studiert wurden. Die Polen waren fast alle katholisch.
4. Beruf: Die Juden waren hauptsächlich Schmiede, Schneider, Schuhmacher und kleine Geschäftsleute, Eigentümer kleiner Eisenwarenläden oder Lebensmittelgeschäfte, während die Polen hauptsächlich Bauern oder Beamte  waren. Juden durften weder in der Stadtverwaltung noch im Regierungsdienst, weder in Fabriken noch in der Landwirtschaft arbeiten.

Es gab noch viele andere Unterschiede, zwischen Juden und Polen: Gegensätze in Gebräuchen, Lebensweisen, Temperament und Anschauungen. Ihre Interessen, Hoffnungen und Wünsche waren ganz anders. Es ist schwierig alles in Worte zu fassen, was uns trennte. Wir waren zwei Völker, die in einem Land unter demselben wundervollen polnischen Himmel lebten. Wir aßen das gleiche gesunde polnische Brot und atmeten dieselbe reine Luft, waren uns aber fremd wie der Osten fern ist vom Westen.

Fortsetzung folgt.

Mein erstes Zusammentreffen mit Nichtjuden

 

 

 

Zeugnis des Rabbiners Sam Stern

Meine Vorgeschichte: 
Ich wurde während des ersten Weltkrieges geboren, als die Menschen unter Hunger und Armut litten. Mein Elternhaus war streng-orthodox im klassischen Rabbinismus. Obwohl meine Eltern zu der Zeit arm waren, schickten sie meine Brüder und mich auf eine teure orthodox-religiöse Schule. Ich hatte drei Brüder und eine Schwester. Mein Vater hatte den einzigen Wunsch, dass wir vier Jungen Rabbiner würden.
Mit fünf Jahren ging ich bereits zum Cheder; mit sieben konnte ich Hebräisch lesen und wurde mit neun in die fünf Bücher Mose und in den Bibel-Kommentar von Raschi eingeführt, ebenso in den Talmud und die alten jüdischen bücher der Rechtswissenschaft. Der Talmud wurde zehn Jahre lang mein wichtigstes Lehrbuch.
Als ich dreizehn Jahre alt wurde, begann mein unabhängiges, religiöses Leben. Ich war allein verantworltlich für meine Sünden. Mein Vater nahm mich mit in die Synagoge, wo er Gott dankte, dass er nun nichts mehr mit meinen Sünden zu tun hatte.

Fortsetzung folgt…

Die Nichtjuden und ich