Andacht Heute

Was ich sehe – und was ich befürchte

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.
2. Timotheus 1,7

In einem Online-Seminar zur Prävention sexualisierter Gewalt habe ich unter anderem gelernt, wie man mit Fällen richtig umgeht, bei denen man sich nicht sicher ist, ob man es wirklich mit übergriffigem Verhalten zu tun hat. Es wurde mir empfohlen, erst einmal eine Dokumentation anzulegen und in einer Spalte möglichst wertfrei meine eigenen Beobachtungen einzutragen: Was habe ich erlebt? Was weiß ich sicher? Was ist überprüfbar? In die zweite Spalte kommen meine Vermutungen und Hypothesen. Hier kann ich meine Gedanken dazu niederschreiben: Welche Befürchtungen tauchen in mir auf? Wie interpretiere ich den Vorfall? Es geht also darum zu erkennen: Was habe ich wirklich gesehen, und was macht mein Kopf daraus? Plötzlich wurde mir klar: Genau so funktionieren auch meine Sorgen im Leben.

Zur Begrenzung meiner Sorgen können folgende Gedanken helfen: Aus einem Gefühl der Unsicherheit heraus stellen wir Vermutungen auf. Oft neigen wir dazu, das Schlimmste zu befürchten. Das führt zu Kummer und negativem Stress. Wir sollten deshalb sämtliche Vermutungen – so gut es geht – nüchtern betrachten und anhand von Fakten auf Angemessenheit prüfen. Übertriebene Sorgen bis hin zu panischem Verhalten entstehen, wenn wir unsere Vermutungen für Fakten halten. Gott lädt uns ein, beides zu unterscheiden und das Schwere in seine Hände zu legen. Er nimmt uns nicht die Realität ab, aber er nimmt uns die Last der Befürchtungen, wenn wir sie ihm anvertrauen.

Wenn das Unrecht triumphiert

Entrüste dich nicht über die Menschen, die Böses tun; beneide nicht die Leute, die Unrecht üben!
Psalm 37,1

Ist es nicht oft ernüchternd zu sehen, wenn die „Cleveren“ gewinnen. Sie umgehen Regeln, zahlen zu wenig Steuern und nutzen jedes Schlupfloch, um sich zu bereichern oder durchzusetzen. Unsere Bürokratie trifft häufig die Falschen: Wer ehrlich ist, bekommt Probleme; wer trickst kommt schneller ans Ziel. Die Frage lautet: Wie kann ich selbst aufrecht und ehrlich auf meinem Weg bleiben, wenn mich all die Ungerechtigkeit in der Welt erschüttert?

Im Psalm 37 erklärt David, wie Gläubige mit dem Erfolg von Gottlosen umgehen können. Er beginnt mit der Mahnung, sich nicht aufzuregen, wenn Menschen sich rücksichtslos durchsetzen und offensichtlich zeigen, dass man mit brutalem Auftreten weit kommen kann. Wir sollten gelassen bleiben. Aufkommender Ärger, Zorn und Neid würden uns nur in die Irre führen. Wir können abwarten und am Schicksal der Gottlosen erkennen, dass ihr Erfolg nur von kurzer Dauer ist. Sie werden „vergehen wie Rauch”.

Demgegenüber werden die Gerechten von Gott getragen, geschützt und aufgerichtet. Auch wenn sie fallen, bleiben sie nicht liegen. Sie verlieren ihr „Erbe”, die Zusagen Gottes, niemals, weil er die Seinen nicht verlässt. Der Psalm 37 ist so wertvoll, weil er uns in Situationen weiterhilft, in denen wir sehen, dass das Böse zu siegen scheint und unser Gerechtigkeitsempfinden stark leidet. Er verbindet Glauben mit praktischer Lebenshaltung: Vertrauen, Geduld und Gelassenheit. Er wirkt wie ein Gegenmittel gegen Verbitterung und spendet Trost, wenn wir ihn benötigen.

Unser Umgang mit Anfechtungen

Und er war vierzig Tage in der Wüste und wurde von dem Satan versucht.
Markus 1,13

Die Versuchung Jesu ist ein herausragendes Beispiel für eine Anfechtung, die in der Bibel in drei verschiedenen Formen vorkommt. Einmal wie hier als Versuchung. Da kommt das Böse und will einem vom Vertrauen auf Gott wegziehen. Auch die Schlange im Paradies versprach etwas sehr Verlockendes: Adam und Eva würden die Augen geöffnet werden und sie würden sein wie Gott. In beiden Fällen arbeitete der Widersacher mit einer verlockenden Aussicht, die er mit der Lüge verband, die Übertretung von Gottes Gebot würde ohne Folgen bleiben. Eine andere Form der Anfechtung ist die Prüfung. Gott lässt Situationen zu, die den Glauben reifen lassen. Ein Beispiel hierfür ist die Geschichte von Abraham, der von Gott aufgefordert wurde, seinen Sohn Isaak zu opfern. Wie in der Geschichte von Hiob war dies eine extreme Herausforderung für den Glauben. Dann gibt es noch die innere Anfechtung. Oft finden wir diese in den Psalmen, in denen Zweifel, Angst und Schuldgefühle in Klagegesängen zum Ausdruck kommen.

Auch wenn wir in unserem Alltag – Gott sei Dank! – nicht in so dramatischer Weise angefochten werden, so ist unser Leben nicht frei von Anfechtung. Wohl jeder kennt die verschiedenen Formen innerer Anfechtung: Erschöpfung, Not, Schuldgefühle, Niedergeschlagenheit, Angst, Panik und Ausweglosigkeit. Wenn wir die Psalmen sorgfältig lesen, können wir eine hilfreiche Struktur erkennen, die aus der Anfechtung befreit:

  • Benennen: Was bedrückt mich?
  • Klagen: Was sage ich Gott darüber?
  • Erinnern: Welche Zusagen Gottes tragen mich?
  • Hoffen: Wo öffnet sich im Psalm ein neuer Blick?

Fast alle Psalmen führen aus der Anfechtung in ein neues Vertrauen – nicht durch Verdrängung, sondern durch ehrliches Ringen.