Andacht Heute

Jerusalem – mehr als ein Ort

Bittet für den Frieden Jerusalems.
Psalm 122,6

Wenn wir die Bibel lesen, stellen wir schnell fest, dass manche Worte mehr in sich tragen, als auf den ersten Blick erkennbar ist. In der traditionellen Bibelauslegung spricht man vom „vierfachen Schriftsinn”. Das bedeutet jedoch nicht, dass jedes Wort vierfach gedeutet werden muss. Er erinnert uns jedoch daran, dass bestimmte Schlüsselbegriffe eine Tiefe besitzen, die sich erst im aufmerksamen Lesen entfaltet. Ein gutes Beispiel für ein solches Wort mit mehrfacher Bedeutung ist „Jerusalem”.

  • Jerusalem – die Stadt auf der Erde.
    Wenn wir dieses Wort hören, denken wir zuerst an eine reale Stadt mit Mauern aus hellem Stein und engen Gassen, einen Ort voller Geschichte. Die Bibel meint genau diese reale Stadt – das ist der buchstäbliche Schriftsinn (sensus literalis). Die Bibel ist kein Märchenbuch, sondern spricht von der Wirklichkeit dieser Welt.
  • Jerusalem – die Seele des Menschen
    Dann wird es persönlich. Die Stadt wird zum Bild für die menschliche Seele. Wie Jerusalem kann auch ein Mensch befestigt oder verwundet sein, offen für Gott oder verschlossen, bedroht oder geborgen. Der sensus moralis fragt, um zu belehren: Was sagt mir das? Wo braucht meine Seele Frieden? Wo muss etwas aufgebaut, geheilt oder erneuert werden?
  • Jerusalem – die Gemeinschaft der Gläubigen
    Die Ausleger der frühen Kirche und des Mittelalters haben gespürt, dass in diesem Wort noch mehr liegt. Jerusalem wird zum Bild für alle, die an Gott glauben. Das ist der eigentliche Sinn, der allegorische Sinn (sensus allegoricus): Jerusalem als Symbol für die Kirche Christi.
  • Jerusalem – die kommende Welt Gottes, das Reich Gottes
    Und schließlich weitet sich der Blick. Jerusalem wird zum Hinweis auf das, was noch kommt: das himmlische Jerusalem, das Reich Gottes, das wir erhoffen. Der sensus anagogicus, der verweisende Sinn, erinnert uns daran, dass unser Leben nicht im Irdischen aufgeht. Wir sind unterwegs, und unser Ziel ist ein Frieden, den keine Macht der Welt zerstören kann.

Die Kraft des Gebets – nicht des Beters

Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.
Jakobus 5,16

Jakobus 5,16 kann leicht missverstanden werden, wenn man den Vers psychologisch auslegt („Wenn ich nur ernsthaft genug bete, passiert etwas.“). Jakobus sagt jedoch nicht, dass die Intensität des Gebets dessen Wirksamkeit erzeugt. Auch nicht, dass wir durch maximale Ernsthaftigkeit Gott zu etwas bewegen können. Der Mensch ist nicht der eigentliche Wirkfaktor. Das wäre eine Art „fromme Magie“.

Wenn man den gesamten Abschnitt in Jakobus 5 liest, wird deutlich, dass immer Gott derjenige ist, der aufrichtet und vergibt (V. 15), der heilt (V. 16) und der Regen sendet (V. 18). Der griechische Ausdruck deēsis energoumenē bedeutet „ein Gebet, das in seiner Wirksamkeit von Gott in Gang gesetzt ist”. Entscheidend ist hier: Nicht der Beter erzeugt die Wirkung, sondern der Geist Gottes schenkt dem Beter ein wirksames Gebet. In 1. Johannes 5,14 heißt es: Deshalb können wir auch voller Zuversicht sein, dass Gott uns hört, wenn wir ihn um etwas bitten, das seinem Willen entspricht. Noch einmal: Es kommt nicht auf den Nachdruck an, den wir in ein Gebet legen. Gerecht ist hier nicht der moralisch Perfekte, sondern der Mensch, der sich von Gott ausrichten lässt. „Wirksam” ist nicht das Gebet, das aus unserem Nachdruck entsteht, sondern das Gebet, das Gott selbst in uns wirkt. Gottes Geist entzündet in uns ein Gebet, das wir selbst nicht hervorbringen könnten. Das befreit uns von der Last, ein starkes Gebet formulieren zu müssen. Wir dürfen uns vom Heiligen Geist beten lassen.

Bevor meine Gedanken laut werden: Demut

HERR, schon früh am Morgen hörst du mein Rufen. In aller Frühe bringe ich meine Bitten vor Dich und warte sehnsüchtig auf Deine Antwort.
Psalm 5,4

Es ist bemerkenswert, dass David nicht sagt: „Schon früh am Morgen habe ich alles im Griff.“ Sondern: „Schon früh am Morgen rufe ich – und ich warte.“ Der Morgen ist nicht der Moment der Selbstsicherheit, sondern der Demut. Wir beginnen nicht mit Antworten, sondern stellen erst einmal fest: „Ich brauche Dich, Gott. Ich will mich Dir zuwenden.“

Denn oft ist es genau andersherum: Wir wachen auf, und sofort beginnt das innere Stimmengewirr. „Was steht heute an? Was muss ich schaffen? Was habe ich gestern falsch gemacht? Welche Sorgen melden sich zuerst?“ Wir suchen früh am Morgen nach Orientierung – aber meistens in uns selbst.

David zeigt einen anderen Weg: Nicht zuerst in sich hineinhorchen, sondern zuerst auf Gott hören. „Ich bringe meine Bitten vor Dich und warte sehnsüchtig auf Deine Antwort.“ Das ist kein passives Warten. Es ist ein inneres Ausrichten: „Ich lege meinen Tag in Deine Hände. Ich erwarte, dass Du sprichst – vielleicht leise, vielleicht überraschend, vielleicht erst im Laufe des Tages.“ Der Tag gelingt nicht, weil wir alles im Griff haben. Er gelingt, weil wir ihn mit Gott beginnen.