Andacht Heute

Wenn der Geist die Sprache weitet

Der Geist ist es, der lebendig macht, das Fleisch nützt gar nichts. Die Worte, die ich zu euch rede, sind Geist und sind Leben.
Johannes 6,63

In seinem Chandos-Brief beschreibt Hofmannsthal die Krise des Lord Chandos. Dieser merkt mit Schrecken, dass Worte brüchig werden und die Sprache nicht mehr an die Wirklichkeit heranreicht. Er spürt eine Wirklichkeit, die größer ist als seine Sprache. Wer die Worte Jesu liest, könnte auf ähnliche Gedanken kommen. Kann man das, was er hier sagt, überhaupt noch verstehen?

Moderne Menschen haben Mühe mit Begriffen wie „Geist”, „Leben” und „Fleisch”. Wie bei Chandos zerfallen solche Worte für viele zu „modrigen Pilzen”. Sie sind nicht mehr Ereignis, sondern leere Hüllen. Man ist es heute gewohnt, in anderen Kategorien zu denken, die sich erschöpfen im Materiellen, Politischen, Moralischen und Rationalen und deshalb zu klein sind. Dabei steht der Ausweg aus dieser Sprachkrise schon im Text. Johannes 6,63 sagt nicht: „Sprache ist unzureichend.“ Sondern: „Sprache wird erst durch den Geist lebendig.“ Während Chandos in der Sprachkrise stecken bleibt, führt Jesus durch sie hindurch. In „Fleisch” steckt die Begrenztheit in unserem menschlichen Denken, Fühlen und Wollen, wodurch unser Blick verengt wird. Wir benötigen dringend die göttliche Dimension. Die Worte, die Jesus zu uns geredet hat, sind „Geist” und „Leben”. Hierbei handelt es sich nicht um Esoterik, Gefühle und spirituelle Energie, sondern um die echte schöpferische Kraft Gottes, die Quelle allen Lebens. Dieser Geist ermöglicht den echten Glauben und erneuert den Menschen von Grund auf. Wir müssen uns von ihm ziehen und verwandeln lassen und dabei unser ständiges Analysieren, Bewerten und Kontrollieren aufgeben. Jesus sagt uns in diesem Vers: Ihr könnt meine Worte nicht verstehen, wenn ihr euch nur in eurer Sprache bewegt. Öffnet euch für die Wirklichkeit Gottes, dann werdet ihr erst richtig leben.

Wenn Erweckung auf Ablehnung stößt

„Erwache aus deinem Schlaf! Erhebe dich von den Toten! Und Christus wird dein Licht sein.“
Epheser 5,14

Die Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts war eine kraftvolle Welle geistlicher Erneuerung, die große Teile Europas und Nordamerikas erfasste. In einer Zeit tiefgreifender Umbrüche, die von Industrialisierung, sozialer Not und politischen Spannungen geprägt waren, suchten viele Menschen nach Orientierung, Trost und persönlicher Glaubensgewissheit. Typisch für die Bewegung – und bis heute charakteristisch – war und ist die Betonung einer persönlichen Bekehrung, eines lebendigen Glaubens und eines intensiven Bibelstudiums. Hauskreise, Gebetsstunden und Laienprediger gewannen an Bedeutung, während traditionelle kirchliche Formen vielerorts als zu erstarrt empfunden wurden.

In der evangelischen Kirche gibt es heute unterschiedliche Reaktionen auf Formen des Glaubenslebens, wie sie besonders in Freikirchen anzutreffen sind. Viele Pfarrer reagieren zurückhaltend, da sie die evangelikale Sprache als fremd empfinden („Errettung”, „Wiedergeburt”). „Bekehrung” klingt für manche zu sehr nach „Privatreligion”. Man steht einem vermuteten „Bekehrungsdruck” und dessen emotionalen Folgen skeptisch gegenüber. Bei vielen Gelegenheiten betonen die Ablehner einer individuellen Entscheidung für Jesus Christus heute die gesellschaftspolitische Komponente des Christseins. Wenn jedoch Demokratiebildung, Menschenrechtsarbeit oder sozialethische Positionierung zu stark in den Vordergrund rücken, führt das zu einem moralischen Aktivismus, der nicht ohne Folgen bleibt. Viele Menschen werden im persönlichen Glauben unsicher, ziehen sich aus dem Bibel- und Gebetsleben zurück und haben zunehmend das Gefühl, dass „fromme Sprache“ peinlich und unmodern ist. Wenn die Kirche aber vor allem sagt, welche Haltung Christen einnehmen sollen, aber deutlich weniger, wer Christus für sie ist, dann verliert der Einzelne die Quelle seines Glaubens.

Der Weg aus der heutigen Blindheit

Geh hin; dein Glaube hat dich gerettet! Und sogleich wurde er sehend und folgte Jesus nach auf dem Weg.
Markus 10,52

Der blinde Bettler Bartimäus erkennt in Jesus den Messias und ruft beharrlich um Erbarmen. Durch seinen Glauben wird er sehend und zum Jünger. Diese Geschichte scheint einfach, enthält beim näheren Hinsehen aber Auffälliges. Zweifellos geht es in ihr nicht nur um eine körperliche Heilung. Die Blindheit, unter der Bartimäus leidet, kann auch als geistige Orientierungslosigkeit gesehen werden. Da wird das Ganze wieder hochmodern. So viele Menschen spüren heute, dass „etwas nicht stimmt”. Sie befinden sich in einer Flut von Informationen. Unzählige Meinungen und Deutungen stiften Verwirrung. Grundüberzeugungen und moralische Werte sind verloren gegangen. Wenn wir den Medien folgen, befinden wir uns ständig in einem Alarmmodus, in dem Empörung, Gefühle und Lautstärke dominieren. Viele Menschen überfordern sich mit einem Perfektionswahn und der ständigen Sorge, nicht zu genügen. Obwohl der Grad der Vernetzung heute sehr hoch ist, ist ein Zerfall von Beziehungen und Zugehörigkeiten festzustellen.

Sehen wir uns Bartimäus an: Im Gegensatz zur Menschenmenge, die ihn beschwichtigen will, reagiert er auf seine Not. Er erkennt seine Blindheit – etwas, das heute vielen Menschen schwerfällt. Er ruft nach Erbarmen, während heute viele versuchen, alles allein zu schaffen. Er lässt seinen Mantel los, der ihm als Bettler ein wenig Sicherheit verschafft, während wir uns an Sicherheiten klammern. Und am Ende seines Leidens an der Orientierungslosigkeit folgt er Jesus nach – etwas, das in dieser Welt für die meisten Menschen nicht in Betracht käme.

Gebet:
HERR, du siehst unsere Blindheit und wie wir nach Halt suchen. Erbarme dich über uns. Mach uns sehend und führe uns auf deinen Weg, damit wir dir folgen. Amen