Den anderen sehen

Du bist ein Gott, der mich sieht.
1. Mose 16,13

    Ein Christ kommt nach dem Gottesdienst auf einen anderen zu, weil er ein Anliegen hat oder einfach ein Gespräch sucht. Doch der andere sieht ihn, erkennt ihn, aber tut so, als wäre er Luft: Er dreht sich weg, spricht demonstrativ mit jemand anderem, vermeidet jeden Blickkontakt und lässt keinerlei Reaktion erkennen. Kein „Hallo“, kein „Ich habe gerade keine Zeit“, kein „Wir sprechen später“. Nur Schweigen. Nur Wegdrehen.

    Laut dem Psychotherapeuten Paul Watzlawick gibt es in der Begegnung zwischen zwei Menschen die drei Grundmuster Anerkennung, Ablehnung und Ignorieren. Wichtig dabei ist: Ablehnung ist weniger verletzend als Ignoranz, weil es die Existenz des anderen anerkennt, auch wenn man seine Botschaft oder sogar seine Person nicht akzeptiert. Wer den anderen ignoriert, bleibt ihm gegenüber ohne Reaktion. Man lässt sich nicht mit ihm ein, würdigt ihn keines Blickes. Es ist die verletzendste Form von Kommunikation, weil es die andere Person unsichtbar macht und keinerlei Respekt erkennbar ist, von Liebe ganz zu schweigen. Gerade in Gemeinden, in denen viel von Liebe die Rede ist, wirkt solches Verhalten heuchlerisch und widerspricht dem Evangelium — nicht nur in Worten, sondern im Umgang miteinander.

    Gebet
    Herr Jesus Christus, du siehst jeden Menschen mit einem Blick voller Würde und Liebe. Bewahre uns davor, andere unsichtbar zu machen, sie zu übergehen oder zu verletzen durch Schweigen und Wegschauen. Amen.

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert