Andacht Heute

Geborgen in Gottes Ordnung

Durch ihn allein leben und handeln wir, ja, ihm verdanken wir alles, was wir sind. So wie es einige eurer Dichter gesagt haben: Wir sind seine Kinder.
Apostelgeschichte 17,28

In der Literatur gibt es den alten Topos „Theatrum mundi”. Damit ist ein wiederkehrendes Motiv gemeint, das in verschiedenen Texten, Epochen und Gattungen auftaucht und dort eine ähnliche Bedeutung oder Funktion hat. Beim Theatrum mundi ist es die Vorstellung der Welt als einer Bühne, auf der Menschen Rollen spielen, die ihnen von einer höheren Instanz (Gott oder Schicksal) zugewiesen werden. Das Leben wird als ein Stück betrachtet, dessen Ablauf wir nicht vollständig bestimmen können. Für die Dichter der damaligen Zeit war dies eine leicht vermittelbare Sichtweise, da sie auf ein Publikum trafen, für das dieses Eingebettetsein in eine höhere Ordnung noch alternativlos war. Heute gilt sie als Bedrohung der Autonomie. Man sagt heute eher: „Ich bin Autor meines Lebens.” Das moderne Ich will keine Vorgabe, keinen Platz, keine Rolle, keinen Sinn, der ihm vorausgeht. Es will alles selbst definieren. Es herrscht große Verwirrung, bedingt durch konkurrierende Weltanschauungen, moralische Unsicherheiten, spirituelle Orientierungslosigkeit und das Gefühl, nicht mehr zu wissen, wo man hingehört. Ideologien, Ersatzreligionen, Esoterik und Selbstoptimierung haben Hochkonjunktur.

Doch ohne Einbettung in etwas Größeres verliert der Mensch die Orientierung. Die Vielzahl der heutigen Weltanschauungen ist Ausdruck eines tiefen geistlichen Hungers, der Sehnsucht nach einem Sinn, der nicht selbst erfunden ist, sondern trägt. In einer Zeit, in der viele Stimmen um unsere Aufmerksamkeit ringen und die Weltanschauungen einander widersprechen, erinnert uns der Glaube daran, dass wir nicht im Chaos stehen, sondern in Gottes guter Ordnung geborgen sind. Unsere Sehnsucht nach Orientierung ist somit kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Hinweis darauf, dass unser Herz den einen Ursprung sucht, der wirklich trägt.

Gebet
Großer, gütiger Gott, schenke uns Ruhe inmitten der Verwirrung, Vertrauen inmitten der Unsicherheit, und ein Herz, das deine Ordnung wiedererkennt. Amen.

Was tun, wenn man uns ständig übersieht?

Du siehst mein Elend, kümmerst dich um meine Nöte, die so schwer auf meiner Seele liegen.
Psalm 31,8

Wie wir in der gestrigen Andacht gesehen haben, kann es eine schwere Last sein, von anderen ignoriert zu werden. Geschieht dies in demonstrativer Weise, beispielsweise in der Schule oder im Beruf, kann uns das krank machen. Auch als Christ trifft uns dieses völlige Übersehen, Nichtansprechen und Nichtwahrnehmen tief. Doch wie verhalten wir uns, wenn wir Opfer einer solchen kommunikativen Verweigerung werden?

Zunächst einmal sollten wir danach trachten, unsere Würde zu bewahren. Gerade weil man uns kleinmachen und erniedrigen will, sollten wir aufrecht stehen bleiben. Grüßen wir also trotzdem freundlich und bleiben wir klar in unserer Haltung. Haben wir den Mut, die Situation so anzusprechen, wie sie ist. Wir könnten beispielsweise sagen: „Ich habe den Eindruck, dass du mich meidest oder nicht wahrnimmst. Das verletzt mich. Können wir darüber sprechen?” Das kann ganz undramatisch und ohne Vorwurf geschehen. Wenn Ignorieren jedoch bewusst als Strafe, zur Manipulation oder als Machtmittel eingesetzt wird, dann gilt: Auch als Christ muss ich mich nicht verletzen lassen. Ich muss nicht um Aufmerksamkeit betteln. Ich darf Beziehungen begrenzen, die mich entwürdigen. Ich darf solche klaren Grenzen ziehen. Jesus selbst machte das, wenn Menschen nicht wahrhaftig mit ihm umgehen wollten. Als Christ muss man nicht „alles schlucken”. Man muss nicht alles in sich hineinfressen. Wir dürfen unseren Schmerz benennen, um nicht zu verbittern. Soweit möglich, kann man auch daran denken, sich zu verändern und Gemeinschaften aufzusuchen, in denen man gesehen wird. Man muss nicht dort bleiben, wo man unsichtbar gemacht wird. Und es hilft uns das Gebet. Gott sieht uns immer, was auch immer mit uns geschieht.

Gebet
Herr Jesus, du siehst mich, wenn andere mich übersehen. Du kennst meinen Schmerz und meine Würde. Bewahre mein Herz vor Bitterkeit und schenke mir Mut zur Wahrheit. Amen.

Den anderen sehen

Du bist ein Gott, der mich sieht.
1. Mose 16,13

    Ein Christ kommt nach dem Gottesdienst auf einen anderen zu, weil er ein Anliegen hat oder einfach ein Gespräch sucht. Doch der andere sieht ihn, erkennt ihn, aber tut so, als wäre er Luft: Er dreht sich weg, spricht demonstrativ mit jemand anderem, vermeidet jeden Blickkontakt und lässt keinerlei Reaktion erkennen. Kein „Hallo“, kein „Ich habe gerade keine Zeit“, kein „Wir sprechen später“. Nur Schweigen. Nur Wegdrehen.

    Laut dem Psychotherapeuten Paul Watzlawick gibt es in der Begegnung zwischen zwei Menschen die drei Grundmuster Anerkennung, Ablehnung und Ignorieren. Wichtig dabei ist: Ablehnung ist weniger verletzend als Ignoranz, weil es die Existenz des anderen anerkennt, auch wenn man seine Botschaft oder sogar seine Person nicht akzeptiert. Wer den anderen ignoriert, bleibt ihm gegenüber ohne Reaktion. Man lässt sich nicht mit ihm ein, würdigt ihn keines Blickes. Es ist die verletzendste Form von Kommunikation, weil es die andere Person unsichtbar macht und keinerlei Respekt erkennbar ist, von Liebe ganz zu schweigen. Gerade in Gemeinden, in denen viel von Liebe die Rede ist, wirkt solches Verhalten heuchlerisch und widerspricht dem Evangelium — nicht nur in Worten, sondern im Umgang miteinander.

    Gebet
    Herr Jesus Christus, du siehst jeden Menschen mit einem Blick voller Würde und Liebe. Bewahre uns davor, andere unsichtbar zu machen, sie zu übergehen oder zu verletzen durch Schweigen und Wegschauen. Amen.