Andacht Heute

Eine falsche Sicht der Welt

Und Jesus nahm die Brote, sagte Dank und teilte sie den Jüngern aus, die Jünger aber denen, die sich gesetzt hatten; ebenso auch von den Fischen, so viel sie wollten.
Johannes 6,11

Der Historiker Rainer Zitelmann beschreibt in seinem neuen Buch über die „Die Nullsummen-Falle“ ein Denkmuster, das viele Menschen prägt, ohne dass sie es bewusst wahrnehmen: den Nullsummenglauben – die Vorstellung, dass der Gewinn des einen automatisch der Verlust des anderen sei. Wie eine Brille verzerrt dieses Denken die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Es macht misstrauisch, bitter und führt zu Neid. Bertolt Brecht hat dieses Denken in einem Satz verdichtet: „Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“ So denken viele – und manchmal ertappen wir uns selbst dabei.

In der Bibel wird vor den Folgen von Neid gewarnt: „Wo Neid und Streit ist, da ist Unordnung und alles Böse.“ (Jak 3,16) Warum? Weil Neid auf einer falschen Annahme beruht: dass Gottes Welt ein fester Kuchen sei, der nur anders verteilt werden müsse. Wenn der andere etwas hat, so meint der Neidige, dann fehlt es mir.

Die Bibel erzählt jedoch eine völlig andere Geschichte: Gott schafft aus dem Nichts. Segen wächst, wenn man ihn teilt. Vertrauen entsteht durch Kooperation, nicht durch Kontrolle. Und im Bericht über die Brotvermehrung zeigt Jesus: Aus fünf Broten können Tausende satt werden. Dies ist ein Zeichen für uns: Gottes Welt ist nicht knapp, sondern überfließend. Dadurch entsteht Fülle für alle.

Wie können wir der Neidfalle entkommen? Lass den anderen seinen Erfolg, vergönne es ihm. Er nimmt dir nichts weg. Schau auf deine eigenen Gaben, die Gott dir geschenkt hat. Sei dankbar dafür, anstatt dich mit anderen zu vergleichen. Sei großzügig und freu dich über den Erfolg anderer, in dem Wissen, dass Gott genug für alle hat – auch für dich.

Die Illusion von der menschlichen Autonomie

Auch sie, die Schöpfung, wird von der Last der Vergänglichkeit befreit werden und an der Freiheit teilhaben, die den Kindern Gottes mit der künftigen Herrlichkeit geschenkt wird.
Römer 8,21

Was hat es mit diesem Geschenk der Freiheit der Kinder Gottes auf sich? Wie ist sie zu bewerten? Mir fällt dazu ein Satz aus einem Buch eines von mir persönlich bekannten Philosophen, einem eingefleischten Atheisten, ein: „Wir können alles, was wir tun, als den Vollzug einer von uns selbst gestalteten Choreografie begreifen.“

Das klingt schön – aber es ist eine Illusion. Denn unser Leben ist nicht die Bühne einer grenzenlosen Selbstgestaltung. Schon unsere Gewohnheiten, Neigungen und Verletzungen bestimmen uns stärker, als wir es zugeben. Wir sind nicht die Choreografen unseres Lebens, sondern oft eher die, die versuchen, im Takt zu bleiben.

Römer 8,21 zeigt uns eine andere, tiefere Wahrheit. Hier wird deutlich: Wir befreien uns nicht selbst – wir werden befreit. Wir gestalten nicht die große Choreografie – wir werden hineingenommen in Gottes Bewegung. Die eigentliche Freiheit kommt nicht aus uns, sondern auf uns zu. Die „Freiheit der Kinder Gottes“ ist keine Selbstbestimmung, sondern eine Gott-Bestimmung, die uns trägt, erlöst und verwandelt. Sie ist größer als jede Autonomie, weil sie nicht von unseren Kräften abhängt, sondern von Gottes Geist, der uns führt, tröstet und erneuert. So wird unser Leben nicht zur selbst erfundenen Choreografie, sondern zu einem getanzten Vertrauen: Wir dürfen Schritte lernen, die wir uns selbst nie hätten ausdenken können.

Hybris – schon wieder so ein Fremdwort

Hochmut kommt vor dem Fall
Sprüche 16,18

Der Begriff „Hybris“ klingt bildungssprachlich kommt heute im politischen und gesellschaftlichen Dialog dann vor, wenn von Selbstüberschätzung und Hochmut die Rede ist. In der griechischen Tragödie wurde sie als Auslöser für das Scheitern vieler Helden verwendet, die in ihrer Überheblichkeit die göttlichen Befehle und Gesetze ignorierten (Wikipedia). Sie führt zur Bestrafung durch die Götter. Es ist unübersehbar, dass im ursprünglichen, antiken Sinn mit Hybris immer eine Tat bezeichnet wurde, sei es rohe Gewalt oder frevelhaftes Verhalten. Dagegen wird heute eher eine innere Haltung charakterisiert, wenn sich jemand überschätzt und sich für unfehlbar hält.

Hybris ist nicht nur ein Problem der Mächtigen oder der Bühne großer Politik. Sie beginnt Immer dort, wo Menschen meinen, alles selbst im Griff zu haben, keine Korrektur mehr zu brauchen und sich nicht mehr infrage stellen zu lassen. Die Versuchung zur Selbstüberschätzung gehört offenbar tief zum Menschen. Das Thema kommt auch häufig in der Bibel vor, wie im sprichwörtlich gewordenen „Hochmut kommt vor dem Fall“. Wer die eigenen Grenzen nicht mehr wahrnimmt, verliert den Blick für die Wirklichkeit. Und das bleibt nicht ohne Folgen. Wer nur noch auf die eigene Stärke vertraut, wird blind für andere Menschen – und schließlich auch blind für Gott.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Gefahr der Hybris: Der Mensch setzt sich selbst an die Mitte der Welt. Er glaubt, unabhängig zu sein, niemandem Rechenschaft schuldig und letztlich selbst Maßstab für Gut und Böse. Die Bibel erzählt dagegen immer wieder von Menschen, die gerade im Anerkennen ihrer Begrenztheit Weisheit finden. Nicht Selbstüberschätzung macht den Menschen groß, sondern Demut. Nicht die Behauptung der eigenen Unfehlbarkeit, sondern die Bereitschaft, sich korrigieren zu lassen. Der HERR bewahre uns vor allem Hochmut, der uns blind macht für seinen Willen.