Licht und Wahrheit
Wer sich jedoch bei dem, was er tut, nach der Wahrheit richtet, der tritt ins Licht, und es wird offenbar, dass sein Tun in Gott gegründet ist.
Johannes 3,21
In seiner Weihnachtsansprache hat der Bundespräsident kürzlich vom „Licht“ gesprochen, das in der Dunkelheit erstrahlt. Er beschreibt Weihnachten dabei als ein Fest, das in dunklen Zeiten Hoffnung schenkt. Den Begriff „Wahrheit” hat er in diesem Zusammenhang nicht erwähnt. Allerdings sprach er auch von Solidarität, Zusammenhalt, Mut, Freiheit und Menschenwürde. Solche Aneinanderreihungen von unzusammenhängenden Begriffen lassen in der Regel ratlose Zuhörer zurück.
Johannes hingegen verwendet die Begriffe „Licht” und „Wahrheit” in einem Atemzug. Weshalb er dies tut, können wir uns mit einer Alltagserfahrung erklären. Stellen wir uns vor, wir würden einen stockdunklen Raum betreten. Wir tasten uns vor und stoßen an etwas. Wir haben keine Vorstellung davon, was um uns herum ist. Plötzlich geht das Licht an und wir erkennen, dass wir gegen einen Tisch gestoßen sind. Wir sehen auch, dass darauf eine Vase steht, die wir leicht hätten umstoßen können. Unsere Erkenntnis lautet: Das Licht hat nichts neu geschaffen, sondern lediglich sichtbar gemacht, was bereits vorhanden war. Dies entspricht dem Wahrheitsbegriff der Griechen. Sie verstanden „Wahrheit” nicht im Sinne von „richtig oder falsch”, wie wir es tun, sondern als das Unverborgene (Aletheia), das, was nicht mehr im Dunkeln liegt, was sichtbar wird. Aletheia bedeutet also nicht „Ich habe recht“, sondern „Ich sehe, was wirklich da ist.“ Wir können daraus die Erkenntnis gewinnen: Wahrheit und Licht gehören zusammen, da beide uns helfen, nicht im Dunkeln zu bleiben – weder über uns selbst noch über Gott. Johannes 3,21 lädt uns ein, Gott als jemanden zu sehen, der Licht macht, damit wir leben können – auch damit alles ans Licht kommen darf, ohne dass wir uns schämen müssen.