Eine Fehlinterpretation der biblischen Bildsprache
Es sprach aber auch ein anderer: Herr, ich will dir nachfolgen; zuvor aber erlaube mir, von denen, die in meinem Haus sind, Abschied zu nehmen! Jesus aber sprach zu ihm: Niemand, der seine Hand an den Pflug legt und zurückblickt, ist tauglich für das Reich Gottes!
Lukas 9,61-62
Der Text stammt aus dem Evangelium von Lukas, das am heutigen Sonntag („Okuli“) in evangelischen Kirchen gelesen wird. Charles Haddon Spurgeon, einer der bekanntesten Prediger des 19. Jahrhunderts, nimmt diese Bibelstelle zum Anlass, um vor den Abschieden aus der irdischen Welt zu warnen, wenn man vorhat, die Nachfolge Jesu anzutreten. Für ihn besteht die Gefahr, dass Menschen „zu ihren alten Gefährten“ zurückkehren und sich wieder davon abhalten lassen, den Weg konsequent anzutreten. Spurgeon spricht in diesem Zusammenhang davon, dass er dies schon oft erlebt hat.
Diese Interpretation ist psychologisch nachvollziehbar, hat aber den entscheidenden Nachteil: So etwas steht nicht im Text. In ihm kommen verschiedene Bilder aus der Landwirtschaft vor: „Hand an den Pflug legen“: Damit ist der Beginn einer neuen Aufgabe gemeint. „Zurückblicken“: Wer zu sehr darauf schaut, was er bisher geleistet hat, achtet zu wenig auf die Arbeit, die vor ihm liegt. Es wird ihm nicht gelingen, gerade Furchen zu ziehen, weil ihm die Zielgerichtetheit fehlt.
Spurgeon begeht bei seiner Interpretation einen schweren Fehler. Er moralisiert mit seiner Warnung vor einem Rückfall eine alltägliche, völlig normale Haltung, nämlich das Abschiednehmen, und verwechselt dabei die vorhandene Bildsprache mit einer Verhaltensnorm. Er interpretiert die Szene als Warnung vor familiären Bindungen, obwohl der Text dies nicht tut. Der „Abschied” ist ja nicht das Problem, sondern ein Symbol für die Unentschlossenheit. Jesus hat sich selbst verschiedentlich von Menschen verabschiedet. Er schätzte familiäre Liebe und Verbundenheit und kritisierte nur, wenn dies absolut gesetzt wird. Jesus ist kein Feind der Familie, sondern ein Feind der Ausreden („Ich würde ja gerne, aber ich muss Rücksicht nehmen“). Es kommt, wie der Text deutlich macht, auf eine echte Neuorientierung an. Wer den neuen Weg vor sich sieht, sollte nicht zögern, sondern losziehen. Und auch wenn es vielleicht nicht ins Bild passen mag (aber diese Gefahr haben Bilder, Metaphern und Symbole immer): Das Schöne ist, dass man dies auch am gleichen Ort tun kann. Man kann dort anfangen, wo man gerade ist. Um ein weiteres Bild zu verwenden: Man muss nicht immer gleich alle Brücken hinter sich abbrechen, wenn man Jesus nachfolgt.