Andacht Heute

Christsein macht frei

Denn obwohl ich frei bin von allen, habe ich mich doch allen zum Knecht gemacht, um desto mehr Menschen zu gewinnen.
1. Korinther 9,19

Die „Freiheit eines Christenmenschen“ ist der Titel einer berühmten Schrift von Martin Luther aus dem Jahr 1520, die zu seinen Hauptschriften der Reformation gehört. Sie entstand als Reaktion auf die päpstliche Bannandrohung. Luther formuliert darin zwei auf den ersten Blick widersprüchliche Thesen:

  1. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.“ Durch den Glauben ist der Mensch gerechtfertigt und frei von religiösen Vorschriften, Gesetzen und menschlichen Mittlern.
  2. „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Diese Freiheit führt zur Liebe und zum Dienst am Nächsten.

Freiheit bedeutet demnach nicht Unabhängigkeit von allen Bindungen, sondern Befreiung von der Angst um das eigene Heil. Es geht nicht darum, bei Gott Punkte zu sammeln. Wer sich von Gott angenommen weiß, kann sich selbst vergessen und anderen dienen. Er bleibt gelassen und kann ohne Druck mit Freude handeln. Nächstenliebe zeigt sich nicht nur in großen Taten, sondern auch in kleinen Gesten: zuhören, Humor teilen und praktische Hilfe leisten.

Aufenthaltsorte in der Nähe Gottes

Ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als tausend andere sonst. Ich will lieber an der Schwelle stehen im Haus meines Gottes als dort zu wohnen, wo die Gottlosigkeit herrscht!
Psalm 84,11

Dieser Psalm ist ein Lied der Sehnsucht nach Gottes Nähe. Der Beter beschreibt die Freude und Geborgenheit, die er im Haus Gottes empfindet, und betont, dass wahres Glück und Stärke aus der Gemeinschaft mit Gott erwachsen. Bereits im zweiten Vers heißt es: „Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!“ Dies ist ein Ausdruck tiefster Liebe und Sehnsucht nach dem Tempel als Ort der Gegenwart Gottes. Der Tempel ist dabei nicht nur ein Gebäude, sondern ein Symbol für die lebendige Gemeinschaft mit Gott. Der Psalm zeigt: Heimat und Glück entstehen dort, wo Gott gegenwärtig ist.

In der Tempelarchitektur waren die „Vorhöfe” der Ort, an dem sich das Volk zum Gebet, zum Opfer und zum Lobpreis versammelte. Die inneren Bereiche des Tempels waren gegliedert in das Heilige für die Priester und das Allerheiligste, das nur den Hohepriestern vorbehalten war. Der Psalm besagt, dass selbst der äußerste Bereich des Tempels wertvoller ist als alle anderen Orte der Welt und einen Kontrast zu den „Zelten der Gottlosen” bildet. In den prunkvollen, weltlichen Palästen führt man ein Leben ohne Bezug zu Gott. Die „Vorhöfe” können somit als Metapher für jede Form von Gottesnähe verstanden werden.

In der heutigen Zeit spielen Tempel keine Rolle mehr. Wir orientieren uns am Jesuswort: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Das bedeutet für uns: Der „Vorhof“ wird zum Bild für jede Form von Gemeinschaft, in der Menschen bewusst Gott suchen – sei es im Gottesdienst, im Hauskreis oder im stillen Gebet zu zweit. Der Psalmist freut sich über den Platz „am Rand“ des Heiligtums. Für uns heißt das: Auch einfache und unscheinbare Formen von Glaubensgemeinschaft sind wertvoll, denn Gott ist da, selbst wenn nur zwei Menschen zusammen beten. Der Vers lädt uns ein, bewusst die Nähe Gottes zu suchen, statt uns in äußerem Glanz oder Erfolg zu verlieren.

Frei sein von menschlicher Verurteilung

Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit.
1. Johannes 1,8-9

    Als Christ wird man von Ungläubigen auf besondere Weise beurteilt. Man verlangt von uns, dass wir nach außen sichtbar immer wie Heilige auftreten. Diesen Erwartungen können wir nicht immer entsprechen, oft ist sogar das Gegenteil der Fall. „Die streiten ja noch schlimmer als wir!”, heißt es dann von den Zweiflern, und sie haben ein weiteres Argument, sich nicht auf den Glauben an Jesus Christus einzulassen. Wenn wir uns von diesen Stimmen verleiten lassen, unsere Schattenseiten zu verbergen und eine fromme Maske aufzusetzen, handeln wir heuchlerisch. Jeder von uns begeht Sünden und hat Schwächen, die wir bekennen müssen. Das ehrliche Eingeständnis von Fehlern ist Teil des Glaubens.

    Zweifellos findet eine Heiligung statt, wenn wir auf Gott vertrauen. Wir müssen uns und anderen jedoch nicht ständig beweisen, dass wir Frömmigkeitserfolge erzielt haben. Besser ist es, sich zu sagen: „Ich weiß um meine Schwächen, aber Christus hat mich geheiligt.” Darum sind wir frei von der Anklage unseres eigenen Gewissens und auch von der moralischen Verurteilung anderer. Nicht durch unsere Bemühung um Selbstveredelung, sondern durch Christus allein werden wir gerechtfertigt. „Deshalb kann ich Kritik hören, ohne mich verurteilt zu fühlen, denn mein Richter ist Christus allein.“