Wer sagt, dass er im Licht ist, und doch seinen Bruder hasst, der ist noch immer in der Finsternis. Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Licht, und nichts Anstößiges ist in ihm.
1. Johannes 2,9–10
Ich beobachte derzeit einen Prozess innerhalb der evangelischen Kirche, der mir große Sorgen bereitet. Das betrifft auch unsere Kirchengemeinde, da wir in einen größeren Verbund, eine sogenannte Regionalgemeinde, aufgehen sollen. Die Gefahr dabei ist, dass die Gemeinde vor Ort nur noch umsetzen muss, was von oben angeordnet wird. Die Folge wird sein, dass sich die Ehrenamtlichen zurückziehen und das geistliche Leben in den Gemeinden zum Erliegen kommt. Ich sehe Technokratie, Zentralisierung, Verlust von Nähe und von Gemeinde. Und ich frage mich: Wie soll ich da noch die Liebe leben, von der Johannes spricht?
Ich will den Vers nüchtern betrachten. Ich sehe: Johannes ruft zur Liebe auf, nicht zur Naivität. Liebe bedeutet nicht, alles gutheißen, schlucken, mittragen und Konflikte vermeiden. Bei aller Aufforderung zur Liebe dürfen wir nicht zusehen und schweigen, wenn uns etwas auffällt. Wir dürfen sagen: „Hier ist eine gefährliche Entwicklung im Gange.“ Johannes meint nicht: „Hab immer warme Gefühle für alle kirchlichen Entscheidungsträger.“ Er meint allerdings, dass wir nicht zulassen sollen, dass Bitterkeit unser Herz frisst. Wir sollen also nicht verachten, nicht hassen und nicht zynisch werden. Wir sollen klar sehen, aber ohne zu verbittern. Liebe heißt auch, für etwas zu kämpfen, das anderen dient. Wenn ich für die Ortsgemeinde einstehe, für Nähe, Verlässlichkeit und geistliche Präsenz, dann ist das ein Akt der Liebe. Nicht gegen Menschen, sondern für die Gemeinde, für die Schwachen, für diejenigen, die Nähe brauchen. Liebe ist manchmal Widerstand.
Gebet
HERR Jesus, gib mir Klarheit, wo ich widersprechen muss, und Sanftmut, wo ich mich selbst zurücknehmen soll.
Gib mir Mut, für das einzustehen, was deiner Gemeinde dient, und Frieden, wo ich Grenzen akzeptieren muss.