Andacht Heute

Zwischen Begeisterung und Besonnenheit

Wo nicht Besonnenheit ist, da geht es nicht gut.
Sprüche 19,2

Ich gebe zu, mit enthusiastischen Ausdrucksformen des Glaubens kann ich persönlich nicht viel anfangen. Wenn Musik erklingt, Menschen tanzen, jubeln oder ihre Hände heben, bleibe ich meist ruhig. Für mich ist das stille, kurze Gebet oft der Ort, an dem ich Gott begegne. Ich schlage die Bibel auf, ringe um Verständnis, suche Gottes Willen im Text und in der Stille. Paulus mahnt uns aber im Römerbrief, vorsichtig zu sein mit schnellen Urteilen. Die Gemeinde in Rom war damals genauso vielfältig wie wir heute: Menschen mit unterschiedlichen Frömmigkeitsstilen, unterschiedlichen Gewohnheiten, unterschiedlichen Temperamenten. Und Paulus sagt: Verachtet einander nicht. Richtet einander nicht. Nicht unser Stil verbindet uns, sondern Christus. Darum sollten wir uns davor hüten, die Charismatischen als „überdreht“ abzuwerten oder die Bibelorientierten als „trocken“.

Doch an dieser Stelle kommt mir eine Grundhaltung in den Sinn, die ich aus manchen charismatischen Predigten kenne: die Vorstellung, man müsse nur intensiv genug beten, nur stark genug glauben, nur enthusiastisch genug auftreten, dann wird Gott gewiss handeln, heilen und eingreifen. Das klingt so, als könne der Mensch durch seine religiöse Energie Gott bewegen. Hier, finde ich, muss Kritik erlaubt sein. Denn aus meinem Verständnis heraus ist es nicht der Mensch, der Gott zu etwas veranlasst. Wir können Gott nicht durch gesteigerte Bemühungen lenken oder durch emotionale Kraft zu einem bestimmten Handeln bringen. Gott bleibt frei, souverän, gnädig und sein Wirken ist niemals das Ergebnis menschlicher Leistung, sondern Ausdruck seiner Liebe.

Vielleicht kann man es so ausdrücken: Vielfalt im Ausdruck ist gut und wertvoll. Aber überall dort, wo Frömmigkeit in Leistungsdruck kippt, wo Menschen meinen, Gott müsse reagieren, wenn sie nur genug tun, dort sollten wir wachsam sein. Nicht um zu verurteilen, sondern um das Evangelium zu schützen: Gottes Gnade ist Geschenk, nicht Ergebnis unserer Anstrengung.

Gebet
HERR, lass uns in Christus verbunden bleiben, auch wenn wir unterschiedlich glauben, fühlen und feiern. Bewahre uns aber davor, unkritisch zu werden, wenn sich falsche Töne in die Frömmigkeit mischen. Amen.