Ein Gedicht über Tränen

Nahe ist der HERR denen, die zerbrochenen Herzens sind, und die zerschlagenen Geistes sind, rettet er.
Psalm 34,19

Das Gedicht „Tränen in schwerer Krankheit” von Andreas Gryphius beginnt mit den Zeilen: „Mir ist, ich weiß nicht wie, ich seufze für und für.” In diesem Sonett zeigt sich die barocke Vorstellung von Schwermut als körperliche Schwäche und als körperlich-seelisch-geistliche Krise gedeutet wurde. Die damalige Temperamenten- und Säftelehre erklärte psychische Zustände zugleich medizinisch und moralisch. Schwermut und Angst wurden als Zeichen mangelnden Gottvertrauens gedeutet. Somit war es möglich, psychisches Leiden als geistliche Prüfung oder gar als Versagen zu erklären. Krankheit und Melancholie galten dann als Abweichungen vom rechten Glauben. Wenn dies im Interesse der herrschenden Ordnung war, konnte es zur Diffamierung genutzt werden. Der von Depressionen gezeichnete Mensch wurde als schwerer Sünder dargestellt und gesellschaftlich geächtet, weil er sich angeblich von Gott entfernt habe.

Wir können heute über diese vorsintflutlichen Vorstellungen den Kopf schütteln, denn wir wissen heute mehr über psychische Belastungen und Depressionen. Wenn wir allerdings die Arroganz der Spätgeborenheit abstreifen, können wir das vorliegende Gedicht mit anderen Augen lesen und durchaus etwas lernen. Es zeigt uns einen Weg zu mehr Ehrlichkeit, Demut und Gottvertrauen. Dann werden diese poetischen Tränen zu einem Gebet:

Tränen in schwerer Krankheit

Mir ist, ich weiß nicht wie, ich seufze für und für.
Ich weine Tag und Nacht, ich sitz in tausend Schmerzen;
Und tausend fürcht‘ ich noch; die Kraft in meinem Herzen
Verschwindt, der Geist verschmacht‘, die Hände sinken mir.

Die Wangen werden bleich, der muntern Augen Zier
Vergeht gleich als der Schein der schon verbrannten Kerzen.
Die Seele wird bestürmt, gleich wie die See im Märzen.
Was ist dies Leben doch, was sind wir, ich und ihr?

Was bilden wir uns ein, was wünschen wir zu haben?
Itzt sind wir hoch und groß, und morgen schon vergraben:
Itzt Blumen, morgen Kot. Wir sind ein Wind, ein Schaum,

Ein Nebel und ein Bach, ein Reif, ein Tau, ein Schatten;
Itzt was und morgen nichts. Und was sind unsre Taten
Als ein mit herber Angst durchmischter Traum.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert