HERR, lass mir deine Gnade widerfahren, deine Hilfe nach deinem Wort, damit ich dem antworten kann, der mich schmäht; denn ich verlasse mich auf dein Wort!
Psalm 119,41-42
Der Psalm 119 hat 176 Verse und ist damit der längste der Bibel. Er hat auch sonst einige Besonderheiten. So bestehen seine 22 Strophen aus den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets. Jede Strophe hat acht Verse, die alle mit demselben Buchstaben beginnen. Das kunstvolle Spiel mit den Anfangsbuchstaben wurde später in der barocken Lyrik sehr beliebt. Man nennt diese Textform „Akrostichon”. In diesem Psalm dient es jedoch weniger als Spielerei, sondern sollte eine Gedächtnisstütze sein, um das gemeinsame Lernen und Rezitieren zu erleichtern.
Vom Inhalt her kann man diesen Psalm auch als tägliches „Übungsbuch“ ansehen. Viele jüdische und christliche Traditionen nutzen ihn für gemeinsame Schulungen. Der Psalm 119 zeigt, wie Glaube funktioniert:
- Gehorsam ist Freude, nicht Last.
- Gottes Wort ist nicht Gesetz im engen Sinn, sondern Lebensquelle.
- Gottes Nähe zeigt sich im Hören und Tun.
- Glaube ist ein Weg, der immer wieder neu gesucht wird.
Die vorliegenden Verse stellen die Gnade Gottes als tragende Basis dar. Gottes Zuwendung erreicht man nicht durch eigene Leistung, sondern sie „widerfährt” uns. Wenn Hilfe durch sein Wort kommt, dann ist das nichts Unbestimmtes, Nebulöses, sondern etwas, das uns ganz konkret hilft. Es befähigt uns, Schmähungen und Beleidigungen von Ungläubigen nicht nur auszuhalten, sondern ihnen auch etwas Kraftvolles entgegenzusetzen. In Psalm 119,114 heißt es: „Du bist mein Schutz und mein Schild; ich hoffe auf dein Wort.“ Gott selbst schützt uns; wir dürfen seinem Wort vertrauen. Es ist verlässlich und trägt uns, wenn anderes um uns herum wankt.