Andacht Heute

Der Mensch als selbst konstruierte Identität

„Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“
Lukas 14,11

Richard Rorty (1931-2007) war einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts – ein Denker, der viele klassische philosophische Gewissheiten radikal infrage stellte. Von ihm stammt der Satz: „Es gibt nichts Wichtigeres, als sich immer wieder neu zu beschreiben.“ Für ihn existiert kein festes „wahres Selbst“ und keine objektive Wahrheit hinter den Dingen. Wahr ist, was funktioniert. Menschen gestalten sich durch Sprache. Seine Philosophie hat dazu geführt, dass sich Menschen zunehmend selbst „erfinden“, etwa durch Geschichten, die sie über sich erzählen. Daraus ergeben sich eine Reihe von Gefahren. Wenn Selbstbeschreibung als absolut gesehen wird, entsteht sehr leicht:

Radikaler Subjektivismus („Ich bin, was ich sage, egal was andere denken“)
Moralrelativismus („Meine Wahrheit genügt“)
Immunisierung gegen Kritik („Wer widerspricht, ist intolerant“)
soziale Entkopplung („Ich schulde niemandem Rechenschaft“)

Eine von Rorty abgeleitete Annahme ist, dass Tradition, Herkunft, biologische Merkmale oder soziale Rollen nicht mehr als bindend gelten, sondern frei wählbar sind. Daraus wurden politische Forderungen aus der Perspektive einzelner Gruppen formuliert. Schade nur, dass alle ausgegrenzt werden, die nicht mit dieser Weltsicht konform gehen wollen. Sie werden als reaktionär, toxisch und unterdrückend kategorisiert.

Für einen gläubigen Christen gibt es zentrale Unterschiede zu dieser modernen Ideologie. Er sagt nicht „Ich bin, was ich über mich sage.“, sondern „Ich bin, was Gott über mich sagt.“ Er steht nicht im Kampfmodus, sondern in der ruhigen Gewissheit der Geborgenheit in Gott. Er kommt ohne moralische Selbstüberhöhung aus, benötigt keine Sprachkontrolle und verwendet keine Schuldzuschreibungen. Er weiß, dass es ewige Wahrheiten gibt, und wird diese, wenn nötig, liebevoll und klar aussprechen – allem herrschenden Zeitgeist zum Trotz.