Volk – ein problematischer Begriff?
Lobt den HERRN, alle Völker! Rühmt ihn, ihr Nationen alle!
Psalm 117,1
Im hebräischen Urtext wird hier das Wort „goj” für „Volk” verwendet. Ich habe in der Genfer Studienbibel nachgeschlagen. Dort heißt es, dass „im Alten Testament mit goj fast immer nicht israelitische Völker im Gegensatz zu Israel bezeichnet werden”. „Sie sind unbeschnitten (Jer 9,25), gottlos (5 Mo 9,4f), begehen Gräuel (5 Mo 18,9; 2 Chr 33,2) und dienen anderen Göttern (2 Kön 17,29).” Aus dieser Worterklärung entsteht jedoch leicht der falsche Eindruck, der Begriff „goj” sei immer negativ besetzt. Zwar waren zur alttestamentlichen Zeit die meisten Völker unbeschnitten, dienten anderen Göttern, begingen Gräueltaten aus ihrem Kult heraus und standen in Feindschaft mit Israel. Das mag historisch zutreffend sein. Das Wort „goj” für „Volk” ist aber ursprünglich ein neutraler Begriff und nicht gleichbedeutend mit den genannten Beispielen. Es gibt auch einige Stellen im AT, in denen das israelische Volk mit goj bezeichnet wird (2Mo 19,6, 5Mo 4,6). Wenn andere Völker in vielen Texten negativ beschrieben werden, dann geschieht das allein durch den verwendeten Kontext. Wenn wir heute das Wort ‚Volk‘ hören, schwingen oft politische oder historische Assoziationen mit. Die Bibel meint jedoch etwas anderes. Wenn in ihr von „Völkern” die Rede ist, sind damit ganz einfach menschliche Gemeinschaften gemeint, die durch ihre Geschichte, ihre Kultur oder ihre Lebensweise zusammengehören. Der Begriff wird keinesfalls abwertend oder ausgrenzend verwendet.
Würde man den obigen Vers als Befehl deuten, im Sinne von „Ihr Gottlosen und Gräuel Begehenden, lobt den Herrn!”, wäre das eine Fehlinterpretation. Er ist eindeutig als freundliche Einladung an alle Völker zu verstehen: „Kommt alle und lobt den HERRN!”