Andacht Heute

Alte, klare Worte zeitgemäß vermitteln

Warum sollen die Heiden sagen: Wo ist denn ihr Gott? Unser Gott ist im Himmel; er kann schaffen, was er will.
Psalm 115,2-3

In der Lutherbibel 2017 steht an dieser Stelle tatsächlich noch das Wort „Heiden“ – genau wie bei Luther vor 500 Jahren. Andere moderne Übersetzungen wählen dagegen meist „die Völker“ oder „andere Völker“. Gemeint sind die nicht‑israelitischen Nationen, die im Psalm spöttisch fragen: „Wo ist denn ihr Gott?“ Israel antwortet darauf: Unser Gott lebt und handelt. Die Götzen der Völker dagegen sind stumm und ohnmächtig – so beschreibt es der Psalm in den Versen 4–8.

Doch was geschieht, wenn man heute einen Menschen, der sich als Atheist bezeichnet, einen „Heiden“ nennt? Die Reaktion wäre vermutlich: Dieser Begriff klingt im heutigen Sprachgefühl schnell abwertend oder ausgrenzend. Er erzeugt eine harte Trennung zwischen „wir Gläubigen“ und „die anderen“. Deshalb spricht man heute eher in der inzwischen gewohnten Schwammigkeit von „Menschen ohne religiöse Bindung“.

Warum also hält die Lutherbibel 2017 am alten Wort fest? Vermutlich, weil sie sich bewusst in die Tradition stellt und den historischen Sprachgebrauch sichtbar lassen will. Im Alten Testament war „Heiden“ die Bezeichnung für die Völker rund um Israel – und genau das spiegelt der Text wider. Es ist ein Wort aus einer anderen Welt, einer anderen Zeit. Heute leben wir jedoch in einem veränderten kulturellen Umfeld, in dem gewohnte Begriffe zu Tretminen geworden sind. In unserer Antidiskriminierungsbeflissenheit sind wir bemüht, Sprache so zu verwenden, dass nur ja niemand verletzt oder ausgrenzt wird. Dabei entsteht allerdings ein neues Problem: Die Begriffe werden manchmal so weichgespült, dass sie kaum noch etwas benennen. Man verliert an Eindeutigkeit, und die Wirklichkeit wird beschönigt.

Vielleicht liegt genau hier unsere Aufgabe: Menschen aus heutiger Sicht respektvoll anzusprechen und zugleich die Klarheit der biblischen Sprache ernst zu nehmen, um Gottes Wort zeitgemäß zu vermitteln. Dabei können wir heute noch von Luther lernen. Wenn er die Worte der Bergpredigt so übersetzt: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein.“ (Matthäus 5,37), dann steht dieser Satz für eine klare, verlässliche und unverschleierte Sprache, die auch heute noch jeder versteht.