Langweilige Gottesdienste?

Wie verhalte ich mich nun richtig? Ich will beten, was Gottes Geist mir eingibt; aber ich will beim Beten auch meinen Verstand gebrauchen. Ich will Loblieder singen, die Gottes Geist mir schenkt; aber ebenso will ich beim Singen meinen Verstand einsetzen.
1. Korinther 14,15

    Nicht wenige Freikirchler empfinden die traditionelle evangelische Liturgie als „langweilig“ oder „unspontan“, da sie aus einer anderen geistlichen Kultur stammen. Diese kulturelle Differenz wird dann mitunter vorschnell als geistliches Urteil formuliert. Dahinter stehen jedoch weniger theologische Gründe als vielmehr unterschiedliche Frömmigkeitsstile, Erwartungen und Sozialisationen. In vielen Freikirchen ist der Gottesdienst geprägt von spontanen Gebeten, persönlicher Beteiligung, emotionaler Ausdruckskraft, von Musik mit Erlebnischarakter und „Mitmachen“ statt „Zuhören“. Wer so geprägt ist, erlebt eine liturgische Ordnung schnell als „distanziert“ oder „kühl“, obwohl sie theologisch tiefgründig und geistlich reich ist.

    Die evangelische Liturgie ist anders geprägt. Wenn die Gottesdienstbesucher bekannte Gebete miteinander sprechen, wie das Vaterunser, dann schaffen diese gemeinsamen Worte Gleichheit, die oft als wohltuend wahrgenommen wird. Damit werden die Stillen, die Unsicheren und diejenigen, die nicht laut vor allen beten wollen oder können, geschützt. Die evangelische Liturgie ist vielleicht nicht so spontan und lebendig wie der Gottesdienst in Freikirchen. Dafür ist sie klar strukturiert, theologisch dicht und biblisch durchdrungen. Ihre innere Logik ist erkennbar vorhanden. So kommen darin Klage, Lob, Gottes Wort, Auslegung, der Blick auf das persönliche Befinden und Christuszentriertheit vor. All dies zeigt sich in Kyrie, Gloria, Lesungen, Predigt, Fürbitten und im Abendmahl.

    In vielen Gemeinden haben sich vor allem nach dem Gottesdienst am Sonntag Gesprächs- und Austauschformen wie das Kirchencafé entwickelt. Hier entstehen persönliche Gespräche über geistliche Fragen, die während des Gottesdienstes aufgetaucht sind. Daneben können seelsorgerische Momente entstehen und neue Kontakte können geknüpft werden. Weitere Begegnungsräume ergeben sich in Kleingruppen und Bibelkreisen, in denen zwangloses, freies Gebet möglich ist. Nicht zu vergessen ist das Angebot bewusst niederschwelliger Formate wie freie Andachten, offene Kirche, Glaubenskurse und vieles mehr. Hier entsteht Raum für persönliche Formen. Evangelische Gemeinden haben eine breite Palette an spontanen, persönlichen, geistlichen Austauschformen – nur nicht im liturgischen Kern des Sonntagsgottesdienstes. Das ist kein Mangel, sondern eine bewusste Struktur: Ordnung im Gottesdienst – Freiheit im Gemeindeleben.

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