7. Fortsetzung des Zeugnisses

von Sam Stern

Verlangen nach Wahrheit

Ich fühlte mich sehr unglücklich in meiem geistlichen Zustand; denn ich hatte allen Glauben an die Menschheit und die rabbinischen Geschichten und Lehren verloren. Es betrübte mich, dass ich als Rabbiner lehrte, was ich selber nicht glaubte.
Mir war bewusst, dass die talmudischen Lehren, die Aussprüche und Beweisführungen, gelehrten Kommentare und Haarspaltereien über Sachschäden, Gesetze, Regeln und Vorschriften über den Sabbat und Feiertage, Kleidung und Wäsche usw. veraltet und für uns nicht mehr aktuell waren. Wir brauchten unbedingt eine wirklich geistliche Wahrheit, mit der wir als Juden leben konnten. Wo war der richtige Weg für uns, für mich, ich wusste es nicht.

Ich sah mein Volk wie Schafe ohne Hirten; und erkannte, dass zweitausend Jahre talmudischer, chassidischer, kabbalistischer und weltlicher Lehre nicht ein einziges jüdisches Kind vor dem Verderben retten konnten. Es war mir klar, dass wir Juden für unsere Sünden leiden , wie wir es an den Feiertagen in unseren Gebeten zum Ausdruck brachten; aber ich wusste nicht, was unsere Sünde war.

Weiter geht es morgen mit:

Erstes Licht

6. Fortsetzung des Zeugnisses

von Sam Stern

 

Bekenntnis allein genügt nicht

An einem Freitag gehen wir Juden in die Synagoge, beten zu Gott, bekennen unsere Sünden und bitten um Vergebung. Wir sagen: „Wegen unserer Sünden wurden wir aus unserem Land vertrieben.“ Sündenbekenntnis ist ein wichtiger Teil unserer Gebete.

Das jüdische Gebetsbuch nennt verschiedene Arten von Sünden, die der Jude in seinen täglichen Gebeten bekennen muss. Ein besonderer Gebetstag ist der Jom Kippur. Am Abend des Jom Kippur muss jeder Jude, der dreizehn Jahre und älter ist, 45 Sündenbekenntnisse (Al Chets) aufsagen. Danach wird das Slach Lanu (Vergib uns) von der Gemeinde gesungen.

Wenn ich diese Gebete sagte, fühlte ich mich unbefriedigt; denn ich wusste aus der Schrift, dass durch Bekenntnis allein keine Sünden vergeben werden. Es musste ein Korban (Opfer) dargebracht werden. (3. Mose 5,17-19)

Sollten unsere Gebete am Jom Kippur vor Gott wirklich eine besondere Bedeutung haben?  Gleich nach dem Sündenbekenntnis und den Gebeten kehrten wir ja zu unserem alten sündigen Leben zurück! Mir schien, wir trieben Spott mit unserem Gott, wenn wir in der Synagoge unsere Sünden bekannten. Mit unseren Lippen sprachen wir von Reue, aber wir meinten es nicht wirklich.  Wahrlich wir sind Sünder und können uns Gott so nicht nahen.

Fortsetzung folgt:
Verlangen nach Wahrheit

5. Fortsetzung des Zeugnisses

Von Sam Stern

Auf der Suche nach einem Freund und nach der Antwort auf die Frage „Warum?“

Als ich aus dem Konzetrationslager kam, hoffte ich, meine Familie wiederzufinden. Ich annoncierte in Zeitungen und wandte mich an verschiedene Organisationen, um herauszufinden, was aus meiner Familie geworden war. Zu meinem großen Leid erfuhr ich, dass alle meine Lieben unter den sechs Millionen Toten waren. Sie waren Opfer des größten Dämons der Geschichte geworden, der Nazi-Ideologie.

Nun war ich allein in einer fremden Welt, ohne einen Freund. Niemand würde mir die Liebe meiner Eltern und meiner Schwester, die treue Zuneigung meiner Brüder und meines Onkels ersetzen können. Enttäuscht und verzweifelt fragte ich die alte Frage der Juden: „Warum? Warum? Warum wurde ein Drittel von Gottes auserwähltem Volk von den Nazis umgebracht? Wo war Gott, wenn ein kleines unschuldiges Judenkind um Hilfe schrie, wenn Nazi-Mörder es mit brualter Hand töteten?Warm schwieg Gott in diesen für sein Volk so schrecklichen Zeiten?“

Fortsetzung folgt

Bekenntnis allein, genügt nicht

4. Fortsetzung Zeugnis

von Sam Stern

Beginn des 2. Weltkrieges

Im Sommer 1939, gleich nach meiner Ernennung zum rabbiner (meiner Smicha) brach der Krieg aus. Eigentlich wollte ich heiraten und ein Führer Israels werden, um meinen jüdischen Mitbürgern den Weg talmudischer, rabbinischer Tradition zu lehren. Ein anderre Plan war, Polen zu verlassen und vielleicht nach Südamerika auszuwansern, denn dort fehlte es an Rabbinern. Aber der Krieg zerschlug diese Pläne. Mein Leben und das aller Juden in Europa war in Gefahr.

Die Nazis in Polen

Am 4. September kamen deutsche Soldaten in unsere Stadt. Das Leben wurde unerträglich. In den nächsten sechs Jahren starben sechs Millionen Juden, darunter eine Million Kinder. Hier und da veranlasste wohl das Gewissen eine polnische Familie, einen Juden zu retten, indem sie ihn versteckte und ernährte; aber das waren nur Einzelfälle.

Im Mai 1945 ging der Krieg zu Ende. Das Ergebnis: Nazi-Mörder wurden beseitigt, Israel wurde eine Nation und ich hate meine ganze Familie verloren.

Fortsetzung …
Auf der Suche nach einem Freund und der Antwort auf die Frage: „Warum?“